Wird tägl. Aktualisiert…
Tag 0 Vorbereitungen
Die letzten Tage waren ganz schön stressig. Arbeit, Motorradcheck und Packen haben doch mehr Zeit in Anspruch genommen, als geplant.
Nachdem schon seit November fest steht, dass es nach Irland geht ist es am Ende doch knapp geworden.
Die 2001er Roadking wurde in der Bobbergarage76 auf Herz und Nieren geprüft und außerdem bekam sie im Winter neue Farben verpasst. Da auch meine Freundin als Sozius mitfahren möchte, musste auch noch in ein großes Back-Pack investiert werden. Zu allem Übel passte das nicht auf das Custom-Heck, so dass ich auch noch einen neuen Halter bauen musste.
Aber jetzt, 6h vor der Abfahrt scheint alles geschafft
Das Moped ist verladen und die Arbeit im Office fast geschafft. Jetzt kann es losgehen.


Tag 1 Landweg zu Seeweg
Heute ging es früh los, denn die ersten 750km wollten wir bequemerweise im Transporter zurücklegen. Besonders im Hinblick auf den Sozius schien das bei der Planung eine gute Idee.
Bei 27 Grad und Sonnenschein ging’s nach Rotterdam, wo wir schon vorher einen Parkingslot für den Sprinter gebucht hatten.
Alter – das Ausladen bei 27 Grad war schweißtreibend. Zu allem Überfluss vergaß ich auch noch die Luftdämpfung zu füllen.

Zum Hafen half die Google-Tante erfolgreich und auch das Einchecken lief gut durch. Mit dem Auto – egal ob PKW oder LKW kam es mir einfacher vor.
Aber am Ende alles geklappt. Das Moped ist versicherungstauglich gesichert und die Kabine bezogen. (Hier muss direct.ferries die Homepage vereinfachen, denn ich hatte auf einmal zwei Doppelzimmer – SRY Kabinen gebucht).






…und der Rest bleibt privat…
Tag 2 Rechts überholen doch einfach?
Gestern Abend herrschte bei uns noch einmal leichte Verwirrung:
Wie wird man auf einer Fähre eigentlich am besten wach? Wecker stellen – mit dem Risiko, dass die automatische Zeitumstellung dazwischenfunkt und das Ding viel zu früh klingelt? Oder lieber auf die Durchsage der Crew warten?
Am Ende fiel die Entscheidung auf den Timer.
Dazu wurden noch ein paar Gerstensaftreserven der Bar vernichtet und ich habe zum ersten Mal Cider probiert. Bisher kannte ich das Getränk nur vom Hörensagen. Kommt wahrscheinlich stark auf die Sorte an, aber schlecht war das gar nicht. Könnte tatsächlich mein neues Zweitgetränk werden – besonders dann, wenn akute Überhopfung droht.

Also: Timer gestellt, ab in die Koje und bei spiegelglatter See herrlich geschlafen.
Der Morgen begann dann stilecht im Bordbistro – mit Kaffee und einem „Morning Baguette“. Ein durchaus ungewohnte Mischung aus warmes Teilchen mit Ei, Bacon, Butter und kleinen Kümmelwürstchen. Nicht das klassische Frühstück, aber satt gemacht hat es auf jeden Fall. Und genau darum geht’s ja auf Reisen: neue Erfahrungen sammeln.

Kurz nach acht kam dann die Durchsage, dass sich die Besatzungen für das Parkdeck zum Ausschiffen bereitmachen sollen. Unsere Motorräder standen auf Deck 7.
Schon beim Herunterfahren von der Fähre fiel mir auf, dass irgendetwas nicht stimmt. Der Lenker vibrierte ungewöhnlich stark. Stephie hinten drauf hatte davon nichts bemerkt – außer vielleicht, dass ich bei Schrittgeschwindigkeit etwas nervös wirkte. Also erst mal weiterfahren und beobachten.
Vom Verlassen der Fähre bis durch die komplette Einreise vergingen insgesamt knapp anderthalb Stunden. Danach begann das eigentliche Abenteuer: Linksverkehr.
Und ja – Abenteuer trifft es ziemlich gut.
Die ersten Kilometer waren überraschend entspannt. Solange man einfach den anderen hinterherfährt, funktioniert das erstaunlich gut. Aber sobald ein bisschen Routine einkehrt, wird es interessant. Kreisverkehre fühlen sich plötzlich völlig falsch an und auch beim Abbiegen muss das Gehirn ständig Überstunden machen.
So kam es dann auch, dass ich auf der Autobahn links an Fahrzeugen vorbeigefahren bin. Oder auf einem Parkplatz – zwar mit Warnblinker – einfach mal die rechte Spur benutzt habe. Zum Glück passt der Sozius mit auf. Ein kleiner Knuff in die Seite, kurzes Sortieren im Kopf und alles war wieder in Ordnung.
Besonders spannend wird es in den Städten. Die Einheimischen parken dort scheinbar völlig selbstverständlich auf beiden Straßenseiten und in beide Richtungen. Für uns Rechtsfahrer sieht das regelmäßig so aus, als würde man gerade falsch herum in eine Einbahnstraße einfahren.
Ach übrigens verreisen die Briten zu Pfingsten auch sehr gern. Thank you für die vielen Übungseinheiten im Schritttempo-Fahren auf der Autobahn, denn nicht immer war Platz zum Vorbeifahren mit meiner Harley.

Am Ende des Tages kamen wir aber doch entspannt in Applebys Guest House in Holyhead an. Eine wirklich tolle Unterkunft in einem feinen kleinen Küstenstädtchen.
Das Abendessen gab es direkt am Yachthafen in einem gemütlichen Restaurant (Langdons Restaurant) definitiv eine Empfehlung wert. Bei Sonne sitzt man dort herrlich draußen oder drinnen und wird freundlich bedient. Auch die Preise waren für englische Verhältnisse überraschend fair.




Heute Abend werden wir noch einmal die komplette Lastverteilung am Motorrad prüfen und wahrscheinlich etwas umpacken. Genau das scheint nämlich der Grund für die Vibrationen zu sein.
Tag 3 Hätte es besser eine GS getan?
Der Tag begann erstmal mit einem kleinen Herzstillstand am frühen Morgen.
5:30 Uhr ploppte eine Mail von Direct Ferries auf. Irgendwas mit „7:00 Uhr“ und Ticket im Anhang. Auf dem Ticket selbst stand aber 9:00 Uhr Abfahrt. Kurz im Halbschlaf leichte Panik geschoben. Reicht das jetzt noch mit Frühstück? Müssen wir sofort los? Haben wir irgendwas verpasst?
Also erstmal den aktuellen Fahrplan von Stena Line gecheckt. – 10:00 Uhr Abfahrt. Alles entspannt. Puls wieder runter.
Unsere Vermieterin Carol hatte ein Frühstück vorbereitet, bei dem man merkte, dass sie das mit Herz macht. Richtig liebevoll angerichtet. Diese Unterkunft kann ich nur empfehlen.
Also ab zur Fähre.
Einchecken lief komplett problemlos und wir standen an der Rampe sogar ziemlich weit vorne. Pole Position quasi. Das Wetter in Holyhead war eher typisch britisch-grau. Bewölkt, bisschen windig, bisschen „mal sehen“. Aber egal – Hauptsache rüber nach Irland. Dort sollte es ja besser werden.

Die Überfahrt selbst war erstaunlich entspannt. Viele Leute an Bord, beim Essen musste man zwar kurz Schlange stehen, aber ansonsten alles easy. Ein bisschen im Sitz gedöst, bisschen Leute beobachtet und ehe man sich versieht, sind dreieinhalb Stunden auch rum.
Und tatsächlich:
In Dublin schönes Wetter.

Zoll und Einreise liefen ebenfalls problemlos. Hier wird man an der EU Außengrenze durch gewunken.


Dann ging’s erstmal ein Stück an der Küste entlang Richtung Wicklow Mountains National Park.
Das Ziel war Glendalough – eine alte Klosteranlage aus dem Frühmittelalter mitten in den Wicklow Mountains. Bekannt für den Rundturm, die alten Ruinen und die Lage zwischen Seen und Bergen. Genau die Sorte Landschaft, bei der man ständig denkt: „Das hier müsste eigentlich jemand gemalt haben.“

Die Strecke dorthin führte über die berühmte Old Military Road. Und alter Ire… was für eine Gegend.
Schöne Passstraße, Sonne, warm – eigentlich perfektes Motorradwetter.



Zumindest fast. Denn offenbar hatte die Sonne beschlossen, den Asphalt gleich mit weich zu kochen. Der Belag löste sich stellenweise auf und schleuderte unschöne Teerbröckchen gegen Motorrad und Schuhe. Dazu parken die Iren teilweise einfach dort, wo sie gerade Lust haben. Irgendwann war mitten auf der Strecke komplett Feierabend. Nichts ging mehr.
Also umdrehen.
Und dann begann der Teil, bei dem man kurz überlegt, wie sich eine BMW handeln lässt…
Die Umfahrung führte über Straßen… naja… „Straßen“ ist vielleicht etwas optimistisch formuliert. Gerade breit genug für ein Fahrzeug und wenn Gegenverkehr kam, wurde es sportlich. Links Hecke, rechts Steinmauer und mittendrin wir auf Splitt, Beton oder Aspalt..
Gegen 15:30 Uhr kamen wir schließlich in Glendalough an.
Wirklich beeindruckende Ecke. Ruhe, alte Gemäuer und ringsrum diese typisch irische Landschaft mit sattem Grün und Bergen im Hintergrund. Man merkt dort sofort, warum die Gegend so bekannt ist.




Danach weiter Richtung Cashel – unserem Tagesziel.
Im Kurviger-Navi natürlich wieder „schöne kurvige Strecke“ ausgewählt. Und kurvig konnten sie hier definitiv liefern.
Was die Iren allerdings ebenfalls meisterhaft beherrschen: Straßen längs aufzufräsen und Schlaglöcher in beeindruckender Tiefe anzulegen. Teilweise war das schon mehr Rodeo als Motorradfahren. Da musste die alte Dame ordentlich arbeiten. Ich glaube, die Harley hat heute mehrfach leise mit mir geschimpft.
Gut, dass meine Stephie hinten mit aufgepasst hat, dass ich auf der richtigen Straßenseite bleibe.
Das klappt nämlich erstaunlich gut… bis plötzlich Gegenverkehr auftaucht und das Gehirn kurz wieder auf Deutschland umschaltet.
In Cashel angekommen haben wir ein schönes Quartier gefunden. Auffällig hier: Die Grundstücke sind riesig. Wirklich riesig. Alles wirkt weitläufiger als bei uns zuhause. Nicht so zugebaut, nicht alles geschniegelt. Irgendwie entspannter.

Abends ging’s noch in die Stadt Pizza essen.
Sonntagabend, kurz nach zehn – da war allerdings schon fast alles dicht. Also Pizza mitgenommen und ganz stilecht auf einer Parkbank verdrückt.


Und dann kam der krönende Abschluss des Tages.
Das Losfahren aus einer 90-Grad-Parklücke am Berg hat nicht funktioniert – Kurve zu eng, Lenker zugemacht….Feierabend…also die Harley ganz sanft auf den Sturzbügeln abgelegt.
Mist.
Zum Glück außer einem kleinem Kratzer unter dem Koffer nichts passiert. Gemeinsam wieder aufgerichtet – an der Stelle merkt man dann doch, wie praktisch so ein Sozius sein kann – anschließend einen etwas größeren Bogen gefahren und dann endgültig zurück ins Quartier.
Feierabend.
Tag 4 – jetzt beginnt der Wild Atlantic Way
Unsere Gastgeber im Tir na Nog haben am Morgen wieder ein Frühstück gezaubert, bei dem man sich fragt, warum man zuhause eigentlich immer nur schnell einen Kaffee runterkippt.

Es gab frisches Rührei mit Tomaten, Pilzen und richtig knusprigem Bacon. Dazu frischen Joghurt mit Obst. Alles liebevoll angerichtet und komplett ohne diesen anonymen Hotelbuffet-Charme. Man merkt einfach sofort, dass Tommy und Carol das mit Herzblut machen.


Beim Frühstück kamen wir natürlich wieder ins Gespräch und Tommy meinte irgendwann ganz trocken:
„wenn ihr Richtung WAW fahrt, dann nehmt nicht die Standardroute – zu der Jahreszeit müsst ihr unbedingt hier lang fahren und schob einen handgeschriebenen Zettel unter die Untertasse…“
Das sind genau die Momente, die diese Tour ausmachen.
Wir haben inzwischen mit unglaublich vielen Einheimischen gesprochen. Vielleicht auch, weil unsere Tourshirts (von non malus mit der irischen Flagge) hier positiv auffallen. Die Leute sprechen uns oft direkt an und geben Tipps, die in keinem Reiseführer stehen. Kleine Straßen, besondere Aussichtspunkte oder einfach Gegenden, wo man „unbedingt mal langfahren muss“. Die Iren sind unheimlich stolz auf ihr Land.
Bevor es losging, stand allerdings erstmal etwas Technik auf dem Programm.
Die Halterung vom Heckträger hatte sich durch die Vibrationen des TwinCam-Motors locker gerappelt. Eine Schraube war komplett verschwunden.

Aber was mit Kabelbinder und Bindedraht repariert wurde, hält meistens länger als das Original.
Sieht jetzt vielleicht nicht nach NASA aus, aber ich bin mir ziemlich sicher, das hält noch Jahre.
Der erste Stopp des Tages war dann Rock of Cashel.
Die mittelalterliche Anlage thront oben auf einem Kalksteinfelsen und gilt als eines der bedeutendsten historischen Bauwerke Irlands. Könige wurden hier gekrönt, Bischöfe saßen hier und alles sieht so aus, als hätte man direkt einen Fantasyfilm darin drehen können.




Das Beste:
Früh am Morgen war dort noch kaum etwas los.
Also ganz entspannt durchs alte Gemäuer geschlendert, bisschen Geschichte eingesaugt und natürlich die inzwischen schon obligatorische geprägte Münze mitgenommen. Irgendwann braucht man zuhause wahrscheinlich ein eigenes Regal nur für diesen Urlaub – zu recht.
Nach etwa einer halben Stunde ging’s weiter auf die von Tommy und Carol empfohlene Strecke.
Das Kurviger-Navi bastelte daraus eine Tour, die erst vorbei an riesigen Grundstücken führte und dann plötzlich wieder mitten hinein in die Berge.
Und dann kam der Vee Pass.



Ganz ehrlich… damit hatten wir nicht gerechnet.
Die Strecke bot einfach alles:
enge Serpentinen, grandiose Ausblicke ins Tal, kleine Seen, saftig grüne Hänge und überall diese riesigen Rhododendronbüsche. Teilweise sah das eher nach Filmkulisse aus als nach normaler Straße.
Oft angehalten, geguckt, Fotos gemacht und einfach nur genossen.
Nach der Abfahrt Richtung Cork kamen wir dann noch am Lismore Castle vorbei.
Das Schloss selbst ist bis heute Privatbesitz und kann nicht komplett besichtigt werden. Dafür aber die Gartenanlagen.
Und die waren wirklich beeindruckend.
Vor allem heute, weil Schatten plötzlich eine ganz neue Bedeutung bekam. Es war richtig warm geworden.
Auf den ersten Blick wirkte der Garten fast ein bisschen verwildert. Aber je länger man dort herumläuft, desto mehr erkennt man das Konzept dahinter. Alles wirkt natürlicher und trotzdem gepflegt.




Außerdem braucht so eine Anlage vermutlich auch eine kleine Armee an Gärtnern.
Genau die richtige Pause also.
Ab hier sollte es dann eigentlich auf möglichst schnellem Weg Richtung Kinsale gehen. Genauer gesagt zum Old Head of Kinsale – unserem offiziellen Startpunkt auf dem Wild Atlantic Way.
Und was für ein Startpunkt das ist.
Die kleine Halbinsel mit dem spektakulären Golfplatz direkt an den Klippen sieht einfach irre aus. Grünflächen bis an die Abbruchkante und dahinter nur noch Atlantik.

Wir waren allerdings weniger zum Golfen hier.
Mehr zum Staunen und Motorradfahren.
Die ersten Fotos vom Wild Atlantic Way sind jetzt schon brutal gut geworden.
Und irgendwie ahnt man langsam, dass da noch einiges kommt.


Auf dem Weg zu unserer Unterkunft direkt am Wasser haben wir heute schon wieder so viele Eindrücke gesammelt, dass man sie kaum ordentlich beschreiben kann.
Kleine Straßen.
Riesige Strände.
Große Wellen.
Dauernd neue Ausblicke.


Dazu mutige Iren, die schon jetzt freiwillig im Atlantik baden gehen, schicke Sonnenanbeter an den Stränden und überall Landwirtschaft. Schafe, Kühe, Traktoren und ständig irgendwo Menschen bei der Arbeit.
Heute Abend schlafen wir in einem kleinen Chalet direkt am Wasser.
Und nachdem wir vorhin noch den ortsansässigen irischen Gastronomen im Pub glücklich gemacht haben, wird jetzt erstmal das gesamte Gepäckkonzept hinterfragt.





Denn langsam dämmert uns:
Vielleicht haben wir doch ein bisschen viel Zeug dabei.
Und genau jetzt steht vermutlich die erste große strategische Entscheidung dieser Tour an.
Tag 5 – sind wir falsch abgebogen?
Heute früh wurden wir schon wieder mit Sonne begrüßt.
Und langsam fragt man sich wirklich, ob wir aus Versehen im falschen Land gelandet sind. Irland und Dauer-Sonne passen in meinem Kopf irgendwie immer noch nicht komplett zusammen.
Das Frühstück war jedenfalls erneut absolute Oberklasse.
Heute gab es Rührei mit geräuchertem Lachs, Müsli auf Rhabarberkompott und frische Früchte. Die Bewertungen bei Booking mit „außergewöhnliches Frühstück“ haben definitiv nicht übertrieben.
Überhaupt war das ganze Haus in Union Hall ein kleines Highlight.
Alles mit unglaublich viel Liebe eingerichtet, stilvoll aber gemütlich und dazu Gastgeber, bei denen man sich sofort willkommen fühlt.

Bevor der eigentliche Motorradtag begann, stand erstmal ein strategischer Einsatz in Skibbereen an:
Postamt.
Denn gestern Abend fiel die Entscheidung:
Die meisten Sachen für schlechtes Wetter und Kälte fliegen raus.
Also alles in eine Kiste gepackt und nach Hause geschickt.
Damit direkt knapp vier Kilo weniger Gepäck und endlich wieder bisschen Platz für die wirklich wichtigen Dinge:
Magneten, Mitbringsel und sonstigen Urlaubskram.
Happy wife, happy life.
Danach ging’s weiter nach Baltimore zum Baltimore Beacon.
Das weiße Signalfeuer thront dort oben auf den Klippen und diente früher Seeleuten als Orientierungspunkt. Heute ist es eher ein Magnet für Touristen, Fotografen und Motorradfahrer.




Und genau dort zeigte sich wieder diese spezielle Harley-Community.
Ein älterer Franzose kam direkt neugierig zur Road King rüber. Seine Frau übersetzte dann, dass die beiden ebenfalls eine Road King fahren.
Keine Ahnung warum, aber irgendwie reichen bei Harley-Fahrern oft drei Wörter, bisschen Gestikulieren und ein Grinsen – schon versteht man sich.
Der Stopp bot jedenfalls wieder spektakuläre Aussichten.
Atlantik, Klippen, Wind und dieses Licht… schwer zu beschreiben.
Danach lotste uns das Navi weiter Richtung Mizen Head – natürlich immer schön am Wild Atlantic Way entlang.
Unterwegs immer wieder kleine Stopps mit grandiosen Blicken und Natur, bei der man ständig denkt:
„Eigentlich müsste man hier alle fünf Minuten anhalten.“
Was heute komplett verrückt war: Haben wir uns verfahren? Sind wir falsch abgebogen?
Denn irgendwie erinnerte uns Irland plötzlich an Kroatien.
Palmen.
Tolle Vegetation.
Gebirge.
Grüne Wiesen voller großer Felsen.
Und dazu 29 Grad.
29 Grad in Irland!
Das erzählt dir zuhause doch keiner und glauben wird’s auch keiner.
So warm sogar, dass ich die Gelegenheit genutzt habe, um bei den Sanddünen von Barleycove Beach mal kurz in den Atlantik zu springen.

Also „warm“ ist dabei natürlich relativ.
Für mich eher Kategorie Bergsee mit Strömung.
Aber die Iren gingen völlig entspannt baden, also scheint das dort als Sommertemperatur durchzugehen.
Mizen Head selbst war dann einfach gigantisch.
Ganz dort draußen am äußersten Zipfel merkt man plötzlich erst, welche Kraft die Natur eigentlich hat. Gewaltige Klippen, Wind, Wellen und überall dieses Gefühl von „hier ist jetzt wirklich fast Ende Europas“.




Der Fußmarsch dort war allerdings nicht ohne.
Durch die Höhenunterschiede wird das Ganze schnell sportlicher als gedacht. Aber das Fotopotential macht alles wieder wett.
Da unser Tagesziel Bantry war, ging es anschließend wieder über Straßen weiter, die in Deutschland wahrscheinlich maximal als Agrarweg durchgehen würden.

Enge Serpentinen, Fahrbahnen so breit wie ein Traktor und dazu Kurvenkombinationen wie irgendwo in Österreich.
Die Mischung aus schwerer Road King, Gegenverkehr und Linksverkehr hält einen dabei dauerhaft geistig wach.
Der Seefin Viewpoint entschädigte uns dafür aber komplett.
Fantastische Aussicht. Genau diese Sorte Panorama, bei der man erstmal paar Sekunden still wird.


Und der restliche Weg Richtung Bantry trug stellenweise Namen wie „Ziegenweg“ – was eigentlich schon ziemlich ehrlich beschreibt, worauf man sich einlässt.
Aber genau das macht ja fremde Länder aus.
Man weiß morgens nie so genau, was einen erwartet.
Unsere Gastgeber im Edencrest B&B waren übrigens ebenfalls Motorradfahrer. Damit war sofort klar:
Man versteht sich.
Barry ließ es sich später sogar nicht nehmen, uns nochmal ins Zentrum zu fahren.
Sein Tipp:
Im Pub einfach fragen, ob man das Essen vom Laden nebenan mit reinbringen darf.
Hat problemlos funktioniert.
Also saßen wir plötzlich mitten zwischen Einheimischen mit Fish and Chips, irischem Bier und Cocktails in einem Pub, den offensichtlich eher die Leute von hier besuchen als Touristen.

Und genau diese Momente sind wahrscheinlich das Wertvollste an der ganzen Reise.
Die kann man nicht buchen.
Nicht kaufen.
Nicht planen.
Die passieren einfach nur unterwegs.
Tag 6 – zwischen Delfinen, Muscheln und der Erkenntnis, dass eine Road King kein Geländemotorrad ist
Der Tag begann erstmal ganz entspannt mit Smalltalk mit unserem Gastgeber Barry. Natürlich über Motorräder. Wundert wahrscheinlich niemanden mehr.
Er schlug uns dabei eine Strecke vor, die richtig gut klang: Kleine Wege, tolle Aussichten, kaum Verkehr – eigentlich genau unser Ding. Dann kam allerdings der entscheidende Satz:
„Und wie gut kannst du mit dem Dickschiff auf Graspisten fahren?“
Damit war das Thema dann relativ schnell beendet.
Man muss seine Grenzen kennen.
Und eine Road King ist am Ende eben doch mehr Wohnzimmer auf Rädern als Mountainbike.
Barry schaute sich danach nochmal meine geplante Route an und verfeinerte sie mit einigen richtig guten Tipps. Das merkt man hier immer wieder: Die Einheimischen wissen einfach genau, welche Strecken sich wirklich lohnen.

Nach einem erneut hervorragenden Frühstück ging’s dann zeitig los. Denn heute stand der berühmte Ring of Beara auf dem Plan.
Und wow…
Schon die ersten Kilometer machten klar, warum so viele von dieser Ecke schwärmen.
Super ausgebaute Straßen, ständig neue Ausblicke und überall diese Fotospots mit dem Wild-Atlantic-Way-Zeichen. Inzwischen halten wir da schon fast automatisch an.


Erstes Etappenziel war die Seilbahn am Dursey Sound.
Die einzige Seilbahn Irlands verbindet das Festland mit Dursey Island und wurde ursprünglich gebaut, um Versorgungsgüter und Vieh zu transportieren.
Und genau so sieht das Ding auch aus.
Irgendwo zwischen nostalgisch, rustikal und „hoffentlich hat der TÜV heute gute Laune“.
Heute transportiert die Bahn neben Schafen und Material inzwischen auch Touristen.

Während wir dort standen, schwammen plötzlich sogar Delfine durch die Meeresenge.
Also wirklich echte Delfine. Nicht „vielleicht war’s ein großer Fisch“, sondern richtig mit Rückenflosse und allem drum und dran.
Solche Momente bekommst du mit keinem Freizeitpark der Welt hin.
Von dort aus ging es bei absolutem Traumwetter weiter. Und erneut hatte Irland heute mehr Ähnlichkeit mit Mittelmeerregionen als mit dem Bild, das man sonst so im Kopf hat.
Palmen.
Üppige Vegetation.
Bunte Rhododendren.
Kleine Buchten.
Sonnenlicht auf dem Wasser.
(Ich wiederhole mich SRY)
Wenn jetzt irgendwo einer mit Vespa und Espressotasse um die Ecke gekommen wäre, hätte es auch Italien sein können.




Zum Mittag steuerten wir dann Helen’s Bar an – einen bei Motorradfahrern ziemlich beliebten Treffpunkt direkt am Meer.
Und Barry hatte definitiv nicht übertrieben.
Tische direkt am Wasser und dazu strahlender Sonnenschein.
Dort schmecken frisch gefangene Muscheln mit einem kalten Bier plötzlich exakt nach Urlaub.


Danach ging’s weiter Richtung Kenmare zu unserem nächsten B&B. Und auch diese Unterkunft war wieder ein Volltreffer.
Ein eigener kleiner Bungalow mit Parkplatz direkt daneben. Perfekt für Motorradfahrer. Kein Rangieren, kein Schleppen, einfach ankommen.

Inzwischen zogen allerdings dunkle Wolken und Gewitter auf.
Lustigerweise hatten wir davon unterwegs kaum etwas mitbekommen, weil wir den Wolken scheinbar die ganze Zeit knapp davongefahren waren.
Also erstmal kurze Pause eingelegt.
Laut Wetter-App sollte jetzt eigentlich der große Regen kommen. Die Gelegenheit wollten wir direkt nutzen:
Wäsche waschen, bisschen planen, Sachen sortieren.
Nur… irgendwie hatte der Regen offenbar andere Pläne.
Außer paar Grad weniger passierte eigentlich nichts.
Also beschlossen wir spontan, noch eine kleine Abendrunde Richtung Ladies View und Killarney zu drehen.
Und allein die Passstraße dorthin war schon wieder komplett irre.
Kurven, Seen, Berge und ständig neue Ausblicke.
Ladies View selbst bekam seinen Namen übrigens von den Hofdamen von Königin Victoria, die dort während eines Irlandbesuchs so begeistert von der Aussicht waren, dass der Platz danach benannt wurde.

Und ja… nachvollziehbar.
Von dort ging es weiter zum Torc Waterfall.
Pünktlich dort kam auch wieder die Sonne raus.
Die letzten hundert Meter zum Wasserfall läuft man gemütlich durch den Wald und plötzlich steht man vor dieser gewaltigen Wassermasse mitten im Grün.
Und wieder dieses Gefühl:
Die Natur hier wirkt irgendwie anders. Wuchtiger. Wilder. Echter.


Abends ging’s dann nochmal nach Killarney hinein.
Ganz pragmatisch im Parkhaus geparkt und zu Fuß ins Zentrum gelaufen.
Die Stadt hatte richtig Leben. (…und das wird nicht an Irlands Bikefest am 29. Mai liegen)
Überall Leute, Musik, Touristen, Einheimische, volle Pubs und Restaurants. Ein Pub neben dem anderen.

Dort haben wir dann auch hervorragend gegessen.
Ich natürlich etwas typisch Irisches.
Stephie dagegen eher original italienisch.
Und genau das beschreibt Irland inzwischen eigentlich ganz gut:
Traditionell und gleichzeitig total international.
Tag 7 – Waschküche auf dem Ring of Kerry
Heute früh war erstmal alles nass.
Nicht Regen im eigentlichen Sinn. Eher diese besondere Wetterform, für die die Engländer wahrscheinlich zehn verschiedene Begriffe haben. Irgendwas zwischen Nebel, Niesel, Feuchtigkeit und „du wirst sowieso nass“.
Kurz gesagt: das englische Wort: Mist triffts ganz gut.

Nach dem Frühstück bei unserer Gastgeberin Therese sah die Welt aber schon wieder besser aus. Wie immer gab es den obligatorischen Smalltalk und wie eigentlich bei allen Unterkünften bisher stellten wir erneut fest:

Jedes B&B war komplett anders. Andere Menschen, andere Einrichtung, andere Geschichten.
Aber bisher waren wirklich alle perfekt für uns.
Heute stand der berühmte Ring of Kerry auf dem Programm.
Zunächst ging es am Wasser entlang und später hinein in die Berge. Die Wolken hingen dabei so tief, dass sich die ganze Landschaft teilweise wie eine Filmkulisse anfühlte. Irgendwo zwischen Herr der Ringe, Abenteuerfilm und Wetterwarnung.


Da für den Nachmittag ab etwa 17 Uhr Starkregen angesagt war, beschlossen wir allerdings, einige der geplanten Abstecher zu den kleinen Küstenbuchten und Anlegern auszulassen.
Die Rechnung war einfach:
Lieber ein paar Stopps weniger als die letzten Kilometer mit komplett durchnässter Hose fahren.
Denn nasse Motorradhosen haben die unangenehme Eigenschaft, im Fahrtwind irgendwann nicht mehr trocknen zu wollen – vor allem, wenn man am Ziel ist.
Die Orte entlang der Strecke, besonders Sneem und Waterville, zeigten sich trotzdem von ihrer schönsten Seite.
Bunte Häuser, lebendig und typisch irisch.
Der erste richtige Stopp erfolgte bei der Skelligs Chocolate Factory.

Eine hervorragende Entscheidung.
Denn wenn draußen alles feucht und grau ist, schmecken heiße Schokolade und Cookies gleich doppelt so gut.
Und die Stephie war damit auch wieder zufrieden.
Die Aussichtspunkte entlang der Strecke sind normalerweise bekannt für spektakuläre Fernblicke über Küste, Berge und Atlantik.
Heute herrschte allerdings eher Kategorie Waschküche.

Man wusste meistens, dass irgendwo da draußen etwas Beeindruckendes sein müsste. Man konnte es allerdings nur erahnen.
Fast schon überraschend tauchten dann die Kerry Cliffs vor uns auf.
Und trotz der tiefhängenden Wolken war das ein gigantischer Anblick.
Steile Felskanten, tosende Brandung und überall dieses Gefühl, dass die Natur hier ziemlich deutlich macht, wer das Sagen hat.




Besonders erstaunt hat uns allerdings etwas anderes:
Hier kann man direkt an den Klippen mit dem Wohnmobil stehen oder sogar zelten.
Aus deutscher Sicht wirkt das fast surreal.
Da würden bei uns vermutlich schon fünf Behörden gleichzeitig Schnappatmung bekommen.
Für uns waren die Cliffs definitiv das Highlight des heutigen Tages.
Von dort ging es weiter Richtung Dingle.
Natürlich nicht ohne die inzwischen obligatorischen Stopps an den Wild-Atlantic-Way-Schildern. Schließlich müssen die Fotos zuhause ja beweisen, dass wir wirklich dort waren.

Um keinen größeren Umweg fahren zu müssen, nutzten wir unterwegs die Fähre bei Knightstown.
Immer wieder schön, wenn man statt langer Straßenkilometer einfach ein Stück übers Wasser abkürzen kann.
In Killorglin wurde nochmal getankt, bevor wir die letzte Etappe des Tages angingen.
Das Wetter blieb dabei typisch irisch.
Gerade schien die Sonne. Zehn Minuten später war die Brille wieder voller Nieseltröpfchen.
Dann wieder Sonne. Dann wieder Niesel.
Das ist als Brillenträger ungefähr so entspannend wie Scheibenwischer ohne Intervallfunktion.
Den berühmten Inch Beach, an dem man teilweise bis direkt an die Wasserlinie fahren kann, haben wir leider verpasst.
Nicht weil wir ihn nicht sehen wollten.
Sondern weil wir genau in diesem Moment bereits ausreichend Wasser von oben bekamen.
Irgendwann ist einfach genug Feuchtigkeit im System.
In Dingle angekommen ging es direkt zur Unterkunft am Conor Pass.
Dort war alles trocken. (So wie unsere Sachen)
Unser Gastgeber hörte sich unsere Wetterbeschreibung an und meinte nur ganz entspannt, dass heute immer wieder kleine „Showers“ durchgezogen seien.
Falls das kleine Huschen waren, sind wir vermutlich den Großteil des Tages direkt unter einer hergefahren.
Zum Glück hatte er nicht nur Wetterinformationen, sondern auch einige sehr gute Tipps für den Abend parat.
Dingle selbst überraschte uns dann nochmal.
Die Stadt wimmelt geradezu von amerikanischen Touristen. Tatsächlich gilt Dingle in den USA für viele als die Bilderbuchversion einer typisch irischen Kleinstadt – mit bunten Häusern, Musik, Pubs und Atlantik vor der Tür.


Und genau so fühlte es sich auch an.
Ein Pub neben dem anderen.
Überall Musik.
Überall Menschen.
Überall Stimmung.
Den Abend ließen wir schließlich bei Livemusik, einem Guinness, einem Kilkenny und jeder Menge guter Laune ausklingen.

Drinnen wieder deutlich, warum Irland so viele Menschen begeistert.
Nicht nur wegen der Landschaft.
Sondern vor allem wegen der Menschen und dieser besonderen Atmosphäre, die man schwer beschreiben kann – die man aber sofort spürt, sobald man mittendrin sitzt.
Tag 8 – Lämmer, Ruinen und der Conor Pass
Der morgendliche Blick aus dem Fenster ließ zunächst wenig Gutes erwarten.
Dunkle Wolken hingen tief in den Bergen und alles sah nach einem Tag aus, an dem die Regensachen wieder Schwerstarbeit leisten müssen.
Ein kurzer Blick in die Wetter-App versprach allerdings Besserung in etwa zwei Stunden.
Also machten wir das einzig Vernünftige:
Nochmal umdrehen und weiterschlafen.
Bis 8:15 Uhr. – Herrlich.
Vor allem, weil der gestrige Pubabend doch noch leichte Nachwirkungen hinterlassen hatte. Rein wissenschaftlich betrachtet natürlich.
Unser Gastgeber war übrigens eine interessante Mischung aus Autor und B&B-Betreiber. Oder vielleicht B&B-Betreiber und Autor. So genau haben wir das nicht mehr herausbekommen.
Jedenfalls hatte er sich beim Frühstück ordentlich ins Zeug gelegt.
Im Wintergarten bot sich beim Kaffee ein fantastischer Blick auf Dingle und in die andere Richtung auf den Conor Pass.

Praktischerweise genau die beiden Hauptziele des Tages.
Da auf dem berühmten Dingle Ring – Slea Head Drive – ohnehin jede Menge Stopps geplant waren, fiel die Routenplanung diesmal deutlich kürzer aus als sonst.
Insgesamt standen gerade einmal 170 Kilometer auf dem Programm.
Wobei man inzwischen gelernt hat, dass „nur 170 Kilometer“ in Irland ungefähr genauso viel Tagesprogramm bedeuten können wie 400 Kilometer irgendwo anders.
Zu unseren geplanten Stopps kamen natürlich wieder einige Empfehlungen unseres Gastgebers dazu.
Die Iren sind unglaublich stolz auf ihre Heimatregion und freuen sich ehrlich darüber, wenn Besucher die schönen Ecken kennenlernen möchten.
Los ging es zunächst am Hafen von Dingle mit dem inzwischen obligatorischen Foto am Wild-Atlantic-Way-Schild.


Der Hafen selbst ist richtig idyllisch.
Bei der Ausfahrt vom öffentlichen Parkplatz sollte man allerdings aufpassen.
Die Regenrinne dort ist so tief, dass die Road King gerade noch darüberkommt.
Gerade noch.
Lediglich eine Schraube am Auspuff durfte kurz Kontakt mit der irischen Infrastruktur aufnehmen.
Mit der Heritage wäre ich vermutlich direkt stecken geblieben.
Danach ging es weiter auf dem Dingle Ring.
Was uns in Irland immer wieder auffällt:
Wirklich jede Wiese ist eingezäunt.
Und auf nahezu jeder Wiese stehen Tiere.
Schafe, Kühe, Pferde oder Ziegen.
Allerdings mit deutlich mehr Platz als man das oft aus anderen Ländern kennt.
Besonders die kleinen Lämmer hatten es Stephie heute angetan.
Deshalb machten wir einen spontanen Halt am Fairy Fort Ringfort.
Für Menschen mit ausgeprägtem Tierstreichler-Gen definitiv ein Pflichtprogramm.




Auf dem weiteren Weg wechselten sich ständig neue Postkartenmotive ab.
Steinhäuser.
Verfallene Burgen.
Sandstrände.
Steilküsten.
Sanfte grüne Hügel.
Und dahinter immer wieder das Meer.

Man fährt hier eigentlich keine zehn Minuten, ohne erneut anzuhalten.
Entsprechend viel Zeit ging natürlich für die vielen Stopps drauf.

Aber jeder einzelne Kilometer des Slea Head Drive hat sich gelohnt.




Zurück in Dingle ging es anschließend direkt hinauf zum Conor Pass.
Der Pass unterscheidet sich deutlich von vielen anderen Strecken, die wir bisher gefahren sind.
Keine extremen Serpentinen.
Keine dramatischen Kehren.
Dafür eine offene, fast sanfte Landschaft, die sich immer weiter nach oben schraubt.

Und plötzlich ist man dort oben und schaut über Seen, Berge und Küstenlandschaften.
Auf der anderen Seite geht es dann wieder bergab – begleitet von Ausblicken, bei denen man sich fragt, wie viele Speicherkarten man eigentlich mitgenommen hat. (Aber bei den Kameras waren eher die Akkus das Problem)
Straßen und Landschaften – einfach gigantisch.
Unser Kurviger-Navi hatte heute allerdings nicht seinen besten Tag.
Deshalb orientierten wir uns zunehmend einfach an den Wild-Atlantic-Way-Schildern.
Und das funktionierte erstaunlich gut.
Je weiter wir nach Norden kamen, desto stärker veränderte sich die Landschaft.
Irgendwann erinnerte uns die Gegend fast ein wenig an Ungarn.
Die Felder wurden größer.
Die Häuser kleiner.
Alles wirkte weiter, offener und flacher.


Schon erstaunlich, wie unterschiedlich Irland innerhalb weniger Tagesetappen sein kann.
Am Nachmittag erreichten wir schließlich unsere Unterkunft, das Seashore B&B.
Direkt an der Küste gelegen und wieder einmal genau die Art Unterkunft, die wir uns für diese Tour vorgestellt hatten.

Heute Abend steht allerdings noch eine wichtige Aufgabe an:
Regensachen einsatzbereit machen.
Denn während der heutige Tag deutlich besser wurde als erwartet, sieht die Vorhersage für morgen etwas anders aus.
220 Kilometer bis Galway bei Regen können nämlich erstaunlich lang werden, zumal wir ein paar Touri-Stops machen werden.
Und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass die Sachen morgen ihren ersten großen Regentest bekommen könnten.
Tag 9 – Irland kann auch anders
Ich hasse es, wenn Wetter-Apps Recht behalten.
Heute früh regnete es Bindfäden.
Während wir unser Frühstück in Ballybunion genossen, trommelte der Regen gegen die Scheiben des Wintergartens. Unsere Gastgeberin servierte Pancakes mit Sirup und dazu ein ordentliches Rührei mit Bacon. Also genau die Art Frühstück, die man braucht, wenn man anschließend freiwillig aufs Motorrad steigen will.
Beim Frühstück fiel uns noch etwas auf, was uns eigentlich schon seit Tagen beschäftigt:
In sämtlichen Unterkünften hatte der Salzstreuer immer nur ein Loch, während der Pfefferstreuer mehrere Löcher besaß. Also genau umgekehrt, wie zu Hause.

Ob das vielleicht damit zusammenhängt, dass man hier auch auf der falschen Straßenseite fährt?
Dieser Frage werden wir weiter nachgehen.
Nach dem Frühstück wurde das Motorrad trockengewischt und dann ging es Richtung Tarbert. Dort verkehrt die Fähre über die Shannon-Mündung nach Killimer.
Die Überfahrt spart einen gewaltigen Umweg. Würde man die gesamte Shannon-Mündung auf dem Landweg über Limerick umfahren, kämen rund 140 Kilometer zusätzlich zusammen.
Die Fähre fährt etwa stündlich und benötigt ungefähr 20 Minuten für die Überfahrt.


Zum Glück hatte der Regen auf dem Schiff kurz Pause gemacht.
Auf der anderen Seite angekommen ging es allerdings direkt wieder weiter mit dem irischen Flüssigwetter.
An dieser Stelle muss man erwähnen, dass unsere Packstrategie von Anfang an vorgesehen hatte, keine zusätzlichen Regensachen mitzunehmen. Wir wollten den modernen Motorradklamotten einfach vertrauen.
Und bisher funktioniert das erstaunlich gut.
Auch mein Klapphelm gehört zu diesem Konzept. Brillenträger und Regen sind normalerweise eine absolute Problemkombination.
Wobei man fairerweise sagen muss:
Auch ein moderner Klapphelm löst das Thema Beschlagen nicht vollständig. Irgendwann fahre ich ihn immer einen kleinen Spalt offen. Vielleicht ist das einfach nichts für mich.

Der erste größere Zwischenstopp waren die Kilkee Cliffs.
Hier kommt man erstaunlich nah an die Abbruchkante heran.
Die Kombination aus Nebel, Wind, Brandung und den dunklen Wolken erzeugte eine fast unwirkliche Stimmung. Es wirkte eher wie eine Filmszene als wie eine Touristenattraktion.


Danach ging es weiter zu den berühmten Cliffs of Moher.
Zumindest theoretisch.
Denn die Cliffs selbst waren heute nicht anwesend.
Wir hätten uns genauso gut vor einem weißen Bettlaken fotografieren können.

Zwei Stunden verbrachten wir dort, weil die Wetter-App immer wieder Besserung versprach.
Die Cliffs blieben trotzdem unsichtbar.
Langsam stellt sich die Frage, ob die vielleicht nur ein geschickt vermarkteter Mythos für Touristen sind.

Andererseits wollten wir Irland ja genau so erleben.
Vierzehn Tage Sonnenschein hätte uns zuhause ohnehin niemand geglaubt.
Und ganz ehrlich:
Von der touristischen Infrastruktur her sind die Cliffs of Moher beeindruckend erschlossen. Besucherzentrum, Wege, Parkplätze und Aussichtspunkte – alles perfekt organisiert.
Trotzdem haben uns einige der weniger bekannten Klippen, die wir bisher gesehen haben, mindestens genauso beeindruckt.
Sie wirken ursprünglicher, wilder und zeigen vielleicht sogar etwas mehr vom echten Irland.
Im Gebiet des The Burren wurde die Sicht dann endlich besser.
Plötzlich öffneten sich die Wolken und gaben den Blick frei auf die gewaltige Atlantikküste.




Rauschende Brandung.
Riesige Wellen.
Dunkle Felsen.
Genau so stellt man sich die Westküste Irlands vor.
Danach wollten wir uns ein Alternativprogramm überlegen.
Wenn über der Erde schon alles voller Wolken hängt, könnte man ja unter die Erde gehen. Also Kurs auf die Doolin Cave.
Leider erfolglos.
Die Führungen waren komplett ausgebucht. Wer dort hin möchte, sollte unbedingt vorher online reservieren. Spontan vorbeifahren funktioniert offenbar nicht immer.
Mit einigen weiteren Zwischenstopps ging es anschließend weiter nach Galway.


Stephie hatte dort ein richtig gutes Hotel mit Tiefgarage gebucht.

Für Motorradfahrer ein Detail, das man plötzlich sehr zu schätzen weiß.
Hier bleiben wir nun zwei Nächte.
Mal sehen, ob Galway all die Versprechen aus Reiseführern und Internet halten kann oder ob wir danach wieder feststellen, dass die kleinen Dörfer und abgelegenen Küstenorte doch das eigentliche Irland sind.
Eines steht allerdings fest:
Nach inzwischen rund 1.700 Kilometern auf der Road King ist morgen erstmal motorradfrei.
Und ich vermute, das Motorrad findet diese Idee mindestens genauso gut wie wir.
Tag 10 – Galway, Reiseführer und die Realität
Der heutige Tag war von Anfang an als motorradfreier Tag geplant.
Nicht, weil wir keine Lust mehr aufs Fahren hätten. Ganz im Gegenteil. Aber nach rund 1.700 Kilometern auf der Road King durfte auch sie mal einen Ruhetag genießen.
Außerdem stand heute Galway auf dem Programm.
Über kaum eine Stadt hatten wir in den Reiseführern so viel Gutes gelesen. Bunte Straßen, irische Kultur, Musik, Geschichte und das typisch irische Lebensgefühl.
Also höchste Zeit, uns selbst ein Bild zu machen.
Galway gilt als kulturelles Zentrum der irischen Westküste und zählt rund 85.000 Einwohner. Die Stadt wurde im Mittelalter durch Handel reich und ist heute bekannt für ihre Musikszene, Universitäten und das jährlich stattfindende Kunst- und Kulturfestival.
Um möglichst viel zu sehen, entschieden wir uns für eine Hop-on-Hop-off-Tour.

Mit diesem Konzept haben wir bisher in vielen Städten sehr gute Erfahrungen gemacht.
Ein kleines Problem gab es allerdings: An den Haltestellen waren keine Abfahrtszeiten angegeben.
Also standen wir erstmal rund 45 Minuten herum und beobachteten das Stadtleben.
Irgendwann kam dann tatsächlich der Bus.
Die Tour selbst war informativ, teilweise sehr unterhaltsam und nach etwa 50 Minuten erreichten wir das Stadtzentrum.



Dort erwartete uns vor allem eins:
Menschen.
Viele Menschen.
Sehr viele Menschen.
Die Innenstadt war voller Touristen, Straßenmusiker, Reisegruppen und Besucher aus aller Welt.
Geschichtlich hat Galway durchaus einiges zu bieten. Besonders sehenswert ist die Galway Cathedral.
Überraschend dabei:
Die Kathedrale wirkt deutlich älter, wurde aber tatsächlich erst 1965 fertiggestellt und gehört damit zu den jüngsten großen Steinkathedralen Europas.
Danach arbeiteten wir uns durch die klassischen Sehenswürdigkeiten.
Und ehrlich gesagt:
Die fünf oder sechs wichtigsten Punkte hat man relativ schnell gesehen.

Anschließend stürzten wir uns einfach ins Gewusel.
Die Dichte an Souvenirgeschäften, Schmuckläden und Pubs dürfte jedenfalls Weltklasse sein.
Dazu Livemusik an jeder Ecke.
Straßenkünstler.
Musiker.
Menschen.
Noch mehr Menschen.


Interessant war dabei, dass wir deutlich weniger Amerikaner wahrgenommen haben als beispielsweise in Dingle.
Dafür hörte man erstaunlich oft Deutsch, Österreichisch oder Schweizerdeutsch.
Irgendwann stellte sich bei uns allerdings ein Gefühl ein, das wir bisher auf dieser Reise noch nicht hatten.
Galway ist ohne Zweifel eine schöne Stadt.
Groß.
Lebendig.
Historisch interessant.
Aber vielleicht auch ein kleines bisschen überbewertet.
Zumindest für unseren persönlichen Geschmack.

Dieses besondere irische Gefühl, das wir in den kleineren Orten entlang des Wild Atlantic Way fast automatisch gespürt haben, wollte sich hier nicht so recht einstellen.
Vielleicht liegt das einfach daran, dass Galway eine moderne Großstadt ist.
Und Großstädte haben nun einmal andere Herausforderungen.
Zum ersten Mal auf unserer Reise sahen wir Obdachlose in Parks oder Zelte entlang der Uferbereiche.
Auch größere Familiengruppen, die abends an den öffentlichen Flächen und Stränden ihre Zeit verbrachten, waren ein Bild, das wir aus den bisherigen Orten Irlands so nicht kannten.p
Nicht falsch verstehen:
Irland wirkt auf uns weiterhin als ein modernes, internationales und funktionierendes Land.
Und natürlich verändern sich Städte überall in Europa.
Trotzdem waren wir überrascht.
Denn in vielen Reiseführern wird Galway eher als quirliges, gemütliches Küstenstädtchen beschrieben.
Die Realität ist inzwischen deutlich urbaner.
Nach einem kleinen Nachmittagssnack machten wir uns schließlich wieder auf den Weg nach Salthill, wo sich unser Hotel befindet.
Dort ließen wir den Tag entspannt ausklingen.

Während draußen langsam der Abend über die Bucht zog, wurden drinnen schon wieder die Sachen sortiert, Akkus geladen und die Route geprüft.
Denn morgen geht der Roadtrip weiter.
Wieder Richtung Norden.
Wieder entlang des Wild Atlantic Way.
Und wenn uns diese Reise bisher eines gezeigt hat, dann dass die spannendsten Erlebnisse meistens dort warten, wo sie in keinem Reiseführer stehen.

Tag 11 – Regen, Fjorde und die DDR in Irland
Heute war wieder einer dieser Tage, die zeigen, wie viele verschiedene Gesichter Irland eigentlich hat.
Gut, auf das Wetter hätten wir dabei durchaus verzichten können.
Aber von Anfang an.
Heute früh regnete es Bindfäden.
Natürlich.
Genau an dem Tag, an dem wir eigentlich zeitig los wollten.
Also erstmal die Wetter-App mit dem Regenradar verglichen und anschließend beschlossen, die Sache ganz professionell anzugehen:
Nochmal 30 Minuten die Augen zumachen.
Das Regengebiet zog nämlich langsamer als gedacht.

Danach ging es zum Frühstück.
Das Frühstück im Hotel war durchaus reichhaltig und gut. Allerdings merkt man inzwischen, dass wir von den vielen kleinen B&Bs ein wenig verwöhnt wurden.
Wenn gefühlt 200 Menschen gleichzeitig im Frühstücksraum sitzen, sehnt man sich doch wieder nach den persönlichen Gesprächen mit den Gastgebern am Küchentisch.
Dafür stand die Harley trocken und sicher in der Tiefgarage.
Ein Luxus, den man nach mehreren Regentagen durchaus zu schätzen weiß.
Heute sollten rund 240 Kilometer bis nach Westport auf uns warten.
Doch zunächst ging es an die Tankstelle.
Für 1,89 Euro pro Liter wurde die Road King vollgetankt und anschließend die Nase Richtung Norden gedreht.
Über die Küstenstraße ging es zunächst nach Spiddal.
Dabei kamen wir erstaunlich gut voran.
Natürlich mit den inzwischen obligatorischen Stopps an den Wild-Atlantic-Way-Schildern.

Besonders in Erinnerung bleiben wird uns dabei Trá na Dóilín, der sogenannte Korallenstrand.
Und tatsächlich besteht der Strand nicht aus Sand.
Der helle Belag setzt sich aus abgestorbenen, von Sonne und Meer gebleichten Korallenalgen zusammen. Das sieht auf den ersten Blick fast aus wie feiner weißer Kies und wirkt völlig surreal.


Das Wetter wechselte derweil zwischen „Sprühregen“, „schönem Landregen“ und „dollem Landregen“.
Also im Grunde zwischen nass und noch nasser.
Auch die Landschaft veränderte sich zunehmend.
Aus dem satten Grün wurde vielerorts Braun.
Nicht etwa, weil es hier zu trocken wäre – davon kann momentan wirklich keine Rede sein.
Die braunen Flächen entstehen durch große Torfgebiete und Heideflächen, die besonders in der Region Connemara das Landschaftsbild prägen. Genau diese Mischung verleiht der Gegend ihren ganz eigenen Charakter.
In Clifden legten wir eine kleine Pause ein.
Das Städtchen gilt als Hauptstadt von Connemara und wurde im frühen 19. Jahrhundert gegründet. Heute lebt es vor allem vom Tourismus und von seiner Lage mitten in einer der schönsten Landschaften Irlands.




Von hier aus beginnt auch die berühmte Sky Road.
Und heute machte die Straße ihrem Namen alle Ehre.
Denn die Wolken lagen direkt auf der Straße.
Die berühmten Fernblicke, für die die Strecke bekannt ist, konnten wir bestenfalls erahnen.
Sichtweite ungefähr: Bis zum nächsten Schaf.
Und davon gab es reichlich.
Überhaupt scheint das Gras außerhalb der Weidezäune grundsätzlich besser zu schmecken als das innerhalb.
Jedenfalls standen die Schafe regelmäßig dort, wo sie eigentlich nicht stehen sollten.
Während wir uns durch die Wolkensuppe tasteten, begegneten uns immer wieder erstaunlich große LKW.
Wie die Einheimischen diese Fahrzeuge durch manche Engstellen bewegen, bleibt eines der großen Geheimnisse Irlands.
Da hilft nur gegenseitiges Verständnis, Handzeichen und die Bereitschaft, notfalls mal rückwärts zu fahren.
Zwischendurch gab es übrigens tatsächlich auch kurze Regenpausen.
Aber die waren so kurz, dass sie kaum erwähnenswert sind.
Dann öffnete sich plötzlich die Landschaft.
Vor uns lag Killary Harbour. Der einzige echte Fjord Irlands.

Links und rechts hohe Berge. Dazwischen das Wasser.
Ein Anblick, der uns spontan an Norwegen erinnerte.
Wobei ich fairerweise erwähnen muss, dass ich noch nie in Norwegen war.
Aber genauso stelle ich es mir dort vor.
Kurz hinter Killary Harbour erreichten wir das Ende des Fjords und fuhren anschließend weiter ins Doolough Valley.
Und ganz ehrlich:
Dieses Tal gehört für uns bisher zu den absoluten Highlights der Reise.
Hohe Berge rahmen die Strecke ein.
Ein langer See begleitet die Straße.
Und überall laufen Schafe herum.
Man fährt durch diese Landschaft und hat ständig das Gefühl, gleich müsste irgendwo ein Filmteam auftauchen.
Hier war allerdings erhöhte Aufmerksamkeit angesagt.
Denn Schafe halten sich nicht unbedingt an Verkehrsregeln.


Am berühmten Croagh Patrick vorbei – dessen Gipfel sich natürlich standesgemäß in den Wolken versteckte – näherten wir uns schließlich unserem Tagesziel.
Nach rund 240 Kilometern erreichten wir unser B&B in Westport.
Dort wurden wir herzlich empfangen.
Und wieder zeigte sich, wie klein die Welt manchmal ist.
Wir mussten fast 2.000 Kilometer mit dem Motorrad fahren, um festzustellen, dass sogar die DDR in Irland bekannt ist.
Die Schwiegertochter unserer Gastgeber stammt nämlich aus Rostock und lebt inzwischen mit ihrem Mann in Wandlitz.
Solche Geschichten passieren irgendwie nur auf Reisen.
Ein wenig nachdenklich machte uns allerdings eine andere Aussage.
Sie erzählte uns, dass sie Berlin heute deutlich sicherer empfindet als Dublin.
Das war nicht das, was wir erwartet hatten.
Und ehrlich gesagt macht uns das jetzt schon neugierig auf die Eindrücke, die uns dort vielleicht noch erwarten werden.
Aber das ist eine Geschichte für später.
Heute genießen wir erstmal Westport, trocknen die Motorradsachen und freuen uns darüber, dass die Road King auch den elften Reisetag wieder klaglos überstanden hat.

Tag 12 – Das Ende des Wild Atlantic Way und ein Schloss für die Nacht
Nach einem guten Frühstück ging es heute auf die letzte große Etappe unseres Wild Atlantic Way.
Irgendwie ein komisches Gefühl.
Vor zwölf Tagen standen wir noch am Old Head of Kinsale und jetzt näherten wir uns tatsächlich dem nördlichen Ende unserer Route.
Von Westport aus ging es zunächst entlang der Küste Richtung Dumhach Bheag. Dort steht eines der Wild-Atlantic-Way-Schilder, das natürlich sofort für das erste Tagesfoto herhalten musste.


Die kleine Bucht dort ist wunderschön.
Überall blühende Rhododendren, sattes Grün und natürlich Schafe. Viele Schafe.
Kaum angekommen, kamen wir auch schon mit einem Briten ins Gespräch, der mit seinem Wohnmobil unterwegs war. Das ist ohnehin etwas, was uns auf dieser Reise immer wieder auffällt:
Man kommt ständig mit Menschen ins Gespräch.
Egal ob Motorradfahrer, Wohnmobilisten, Einheimische oder andere Reisende.
Da uns die Beschilderung an einer Stelle etwas verwirrt hatte, drehten wir allerdings nochmal um und fuhren weiter Richtung Norden.
Die Landschaft verändert sich hier erneut deutlich.

Die hohen Berge und engen Täler der letzten Tage verschwinden zunehmend.
Stattdessen erinnern viele Bereiche an eine weite Hochebene.
Wenig große Büsche.
Viel Gras.
Dazwischen Wälder und Baumgruppen.
Alles wirkt offener und weiter.
Vorbei am Wild Nephin National Park erreichten wir schließlich Bangor Erris.
Hier bekommt man tatsächlich das Gefühl, am Ende der Welt unterwegs zu sein.
Kaum größere Orte. Wenig Verkehr.
Dafür unglaublich viel Natur.
Und ganz viel Weite.

Der irische Wettergott beschloss heute allerdings noch einmal, uns sämtliche verfügbaren Wettervarianten vorzuführen.
Sonne.
Regen.
Niesel.
Wind.
Sonne.
Wieder Regen.
Und dann alles gleichzeitig.
Am Erris Head kamen wir zunächst bei Sonnenschein an.


Ein wunderschöner Küstenabschnitt mit Sandstrand, Klippen und weitem Blick auf den Atlantik.
Natürlich hielt das Wetter exakt so lange, bis wir die Kameras auspackten.
Dann wurden oben die Schleusen geöffnet.
Was uns allerdings erneut auffiel:
Die Iren haben offensichtlich eine deutlich entspanntere Beziehung zum Wetter.
Während wir bereits darüber nachdachten, ob die Kameras trocken bleiben, spielten unten am Strand mehrere Kindergruppen völlig unbeeindruckt weiter.
Ob Schulsport, Verein oder einfach nur Freizeitprogramm konnten wir nicht erkennen.
Der Regen schien jedenfalls niemanden zu stören.
Wir entschieden dagegen, den Rückzug anzutreten.


Denn der Regen fand inzwischen auch seinen Weg zu uns.
Zum Glück halten unsere Motorradsachen weiterhin erstaunlich gut dicht.
Die Entscheidung, keine zusätzlichen Regensachen mitzunehmen, hat sich bisher als richtig erwiesen.
Sonne und Regen wechselten sich nun beinahe im Viertelstundentakt ab.
Und trotzdem:
Am Atlantik entlangzufahren bleibt einfach etwas Besonderes.
Die Klippen. – Die Wiesen. – Die Weite.
Genau so stellt man sich Irland vor.
Unser eigentliches Tageshighlight kündigte sich bereits vom Céide Fields Visitor Centre aus an.

Zwischen den Regenfeldern öffnete sich plötzlich die Sicht.
In der Ferne konnte man bereits den Downpatrick Head erkennen.
Und als wir schließlich dort ankamen, zeigte sich die Sonne.
Perfektes Timing.
Downpatrick Head gilt als eine der eindrucksvollsten Klippenlandschaften Irlands.
Und diesmal hatten die Einheimischen definitiv nicht übertrieben.
Direkt vor der Küste erhebt sich der berühmte Felspfeiler „Dún Briste“, der vor Jahrhunderten durch einen Felssturz vom Festland getrennt wurde.

Dazu gewaltige Klippen, tosende Brandung und ein Ausblick, der einen sofort verstehen lässt, warum dieser Ort zu den spektakulärsten Punkten an der gesamten Küste zählt.






Besonders interessant fanden wir die Geschichte des Ortes.
Noch heute sind dort sogenannte EIRE-Markierungen sichtbar – riesige aus Steinen gelegte Schriftzüge, die während des Zweiten Weltkriegs angelegt wurden.
Sie signalisierten den alliierten Piloten, dass sie den neutralen irischen Luftraum erreicht hatten.
Neben den EIRE-Zeichen steht dort auch noch ein alter Beobachtungsposten aus dem Zweiten Weltkrieg.
Geschichte und Natur liegen hier unmittelbar nebeneinander.
Nach diesem Highlight fuhren wir die letzten Kilometer auf dem Wild Atlantic Way.
Und diesmal tatsächlich bei Sonnenschein.
Über Killala ging es weiter Richtung Ballina.

Killala spielte übrigens eine wichtige Rolle während der französischen Landung von 1798, als französische Truppen die irischen Rebellen im Kampf gegen die britische Herrschaft unterstützen wollten.

Geschichte begegnet einem hier wirklich an jeder Ecke.
Für die Nacht hatten wir schließlich ein Hotel in Castlebar gebucht.
Bei Booking sah es bereits vielversprechend aus.
In Wirklichkeit war es noch besser.
Von außen wirkt das Gebäude wie ein kleines Schloss.
Und innen wird dieser Eindruck nahtlos fortgesetzt.
Verwinkelte Gänge.
Treppen.
Flure.
Nischen.
Wir haben uns tatsächlich mehrfach verlaufen.
Aber genau das macht den Charme dieses Hauses aus.
Ganz modern wäre vermutlich anders.
Praktischer wahrscheinlich auch.
Aber dafür fehlt dann genau dieses Gefühl.
Dieses Gefühl, irgendwo in Irland angekommen zu sein.

Und genau deshalb passt diese Unterkunft perfekt zu den letzten Tagen unserer Reise. Aber glaubt nicht, dass es hier an etwas fehlt. Der Luxus und der Spa-Bereich spielen in einer hohen Liga. Hi Das ist schon ein kleiner Tip auf unserer Liste.
Tag 13 – Neptun übernimmt das Wetterkommando
Wir haben geschlafen wie die Könige.
Und das passte irgendwie auch zum Hotel. Die Nacht war ruhig, das Bett bequem und am Morgen wartete im stilvoll eingerichteten Restaurant ein Frühstück, das eher an ein Landhaus als an eine normale Unterkunft erinnerte.

Also ordentlich gestärkt die Sachen gepackt und die Harley beladen.
Genau in diesem Moment zog allerdings noch ein kräftiger Regenschauer durch.
Also alles wieder rückwärts.
Helm runter.
Rein in die Hotellobby.
Abwarten.

Während wir dort saßen, kam eine ältere Dame auf mich zu, schaute nach draußen und sagte mit ernster Miene:
“Holy shit, what a bad day. Book another night and go tomorrow. The weather today will be terrible.”
Das war zwar nett gemeint, aber wir hatten andere Pläne.
Heute sollte es mit ein paar Zwischenstopps direkt nach Dublin gehen.
Also los.
Natürlich genau in einer Regenpause.
Und dann wurde uns relativ schnell klar:
Heute hatte offenbar Neptun persönlich den Wetterdienst übernommen.
Es regnete in einer Intensität, bei der man irgendwann aufhört, zwischen Regen und Wasserfall zu unterscheiden.
Das Wasser konnte teilweise nicht einmal schnell genug vom Tank ablaufen. Zwischen meinen Beinen und dem Dashboard bildete sich zeitweise ein kleiner See.


Aber was soll’s. Die Zwischenstopps haben wir gespart und wollten direkt nach Dublin durchfahren. Uns war nicht mehr nach Sightseeing.
Der Asphalt in Irland ist oft etwas gröber als bei uns. Dadurch bleibt die Straße selbst bei viel Wasser erstaunlich gut fahrbar.
Zwischendurch passierte dann wieder etwas typisch Irisches.
Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Plötzlich Sonne. Kein Regen.
Blaue Flecken am Himmel.

Und zehn Minuten später wieder Weltuntergang.
Inzwischen überrascht uns das kaum noch.
Wir kennen das Wetter hier mittlerweile fast so gut wie die Einheimischen.
Apropos Einheimische.
Wir sind inzwischen auch dem Geheimnis der Salz- und Pfefferstreuer ein Stück näher gekommen.
Warum hat das Salz hier fast immer nur ein Loch und der Pfeffer mehrere?
Eine Erklärung lautet, dass die feuchte Luft schlechter in den Salzstreuer eindringen kann und das Salz dadurch nicht so schnell verklumpt.
Klingt logisch.
Eine andere Erklärung stammt aus früheren Zeiten.
Pfeffer war auf dem europäischen Festland deutlich teurer und wertvoller als Salz. Deshalb bekam der Pfeffer weniger Löcher, damit sparsamer dosiert wurde.
In Irland und Großbritannien scheint man es teilweise genau andersherum gehandhabt zu haben.
Ob das wirklich stimmt, wissen wir noch nicht.
Aber die Theorie gefällt uns.

Kurz vor Dublin klarte das Wetter plötzlich wieder auf.
Perfektes Timing.
Denn ich wollte ohnehin noch beim Harley-Händler vorbeischauen.
Und wie bestellt entlud sich genau in dem Moment, als wir den Laden betraten, die nächste Gewitterzelle.
Draußen tobten Sturm, Regen und Gewitter.
Drinnen gab es Kaffee.

Manchmal gewinnt man einfach.
Also gemütlich durch den Laden geschlendert, bisschen gequatscht und natürlich durfte auch ein Dealershirt nicht fehlen.
Außerdem brauchte die Road King noch eine kleine Wellnessbehandlung. Nach mittlerweile rund 2.500 Kilometern fehlten tatsächlich nur etwa 150 Milliliter Öl. Für eine mittlerweile nicht mehr ganz junge Dame kann sich das wirklich sehen lassen.


Mit den ersten Sonnenstrahlen ging es anschließend weiter zum Hotel.
Und ja:
Dublin ist anstrengend zu fahren.
Nicht wegen des Linksverkehrs.
Daran haben wir uns inzwischen erstaunlich gut gewöhnt.
Aber der Verkehr selbst hat es in sich.
Stau.
Große LKW.
Fußgänger mit ausgeprägtem Gottvertrauen.
Und gefühlt alle paar hundert Meter irgendwelche Bodenwellen, die den Verkehr beruhigen sollen.
Die Harley und wir hatten jedenfalls genug Beschäftigung.
Am Ende kamen wir aber problemlos am Hotel an.
Dort wurden erstmal die Motorradsachen von außen getrocknet.
Von außen.
Denn zu unserer eigenen Überraschung waren sie innen immer noch weitgehend trocken.
Das Experiment „ohne zusätzliche Regensachen durch Irland“ scheint zu funktionieren.
Danach machten wir uns auf den Weg, die Hauptstadt zu erkunden und etwas essen zu gehen.



Dublin wirkt deutlich größer, hektischer und internationaler als alle Orte, die wir bisher besucht haben.
Überall Menschen.
Überall Verkehr.
Überall Bewegung.
Aber bisher keineswegs unangenehm.
Auffällig ist, dass der Juni hier als Pride Month sichtbar ist. Entsprechend begegnen einem an vielen öffentlichen Gebäuden, Geschäften und Einrichtungen Regenbogenflaggen und entsprechende Symbole.
Das gehört aktuell zum Stadtbild und fällt Besuchern sofort auf. Mir ist das persönlich zu viel. Jeder kann leben wie er will, solange er mich nicht argumentiert.



Nach einem guten Abendessen ging es schließlich zurück ins Hotel.
Und während draußen Dublin weiter vor sich hin wuselte, machten wir uns an die Planung für morgen.
Denn morgen bleibt die Harley stehen.
Und ein motorradfreier Tag in Dublin bedeutet:
Neue Geschichten.
Neue Eindrücke.
Und vermutlich wieder die eine oder andere Überraschung.
Tag 14 – Guinness, Molly Malone und die letzten Stunden in Irland
Heute früh bot sich die vermutlich letzte Gelegenheit dieser Reise, die berühmten irischen „Dachziegel“ zu probieren.
Gemeint sind natürlich die sogenannten Weetabix.
Diese aus gepresstem Vollkornweizen bestehenden Frühstücksblöcke sehen tatsächlich aus, als könnte man damit kleinere Gartenhäuser eindecken.
Ich war bisher immer der Meinung, das wäre eine Art Brotersatz.
Unsere letzte Gastgeberin klärte uns dazu jedoch auf:
Die meisten Kinder essen sie ganz klassisch in Milch eingeweicht.
Also ausprobiert. Und ich muss zugeben:
Gar nicht übel.
Man sollte sich vom Aussehen einfach nicht abschrecken lassen.

Anschließend ging es mit dem DART (der Vorortbahn) ins Zentrum von Dublin.
Vom Hotel aus waren es gerade einmal drei Stationen. Für Besucher wirklich eine praktische Sache. Kein Parkplatz suchen, kein Stadtverkehr und man ist schnell mitten im Geschehen.
Da für den Tag immer wieder kräftige Regenschauer angekündigt waren, entschieden wir uns erneut für eine Hop-on-Hop-off-Tour.
Das hatte sich bereits in Galway bewährt.
Und tatsächlich erwies sich die Entscheidung als goldrichtig.
Während draußen regelmäßig der Himmel seine Schleusen öffnete, saßen wir trocken im Bus und bekamen gleichzeitig jede Menge Informationen über die Stadt.



Eigentlich wollten wir zunächst das Dublin Castle besichtigen.
Daraus wurde allerdings nichts.
Wegen aktueller Veranstaltungen und Vorbereitungen im Zusammenhang mit politischen Terminen waren große Teile nicht zugänglich. Besuchen konnte man lediglich die Gartenanlagen.
Also Plan B.
Und der führte uns direkt zum Guinness Storehouse.
Ganz ehrlich:
Das war deutlich besser als erwartet.

Auf mehreren Etagen wird die Geschichte und Herstellung von Guinness erklärt.
Dabei wirkt die Ausstellung keineswegs wie ein Museum alter Braukessel.
Alles ist modern gestaltet, interaktiv, liebevoll inszeniert und voller kleiner Details.
Selbst für Menschen, die nicht unbedingt Guinness-Fans sind, absolut sehenswert.




Natürlich gehört auch eine Verkostung dazu.
Man bekommt dabei erklärt, wie man es verkosten soll und welche Aromen eigentlich wahrnehmbar sein müssten.
Die Fachleute sprechen von Röstaromen, Kaffee, Schokolade und Malz.

Mein persönliches Fazit:
Es wird vermutlich nicht mein Lieblingsgetränk.
Irgendwo zwischen Bier, Landkaffee und Malzbier.
Aber zum richtigen Anlass durchaus süffig.
Den Abschluss bildete dann ein Pint in der berühmten Gravity Bar ganz oben im Gebäude.
Mit einem fantastischen 360-Grad-Blick über Dublin.


Danach ging es weiter zum Trinity College Dublin.
Natürlich wollten wir dort die weltberühmte Bibliothek besichtigen.
Und ausgerechnet jetzt erwischten wir einen historischen Ausnahmezustand.
Die berühmte Long Room Library wird derzeit umfassend restauriert und konserviert. Die meisten Bücher wurden ausgelagert, damit sowohl die Sammlung als auch das Gebäude selbst für die Zukunft gesichert werden können.
Einerseits schade.
Andererseits ist genau dieser Zustand so selten, dass ihn vor uns seit Jahrhunderten kaum jemand erlebt hat.



Manchmal hat man eben auch Glück mit ungewöhnlichen Zeitpunkten.
Danach ließen wir uns noch ein wenig durch die Stadt treiben.
Ein paar Souvenirs.
Ein paar Fotos.
Einfach nochmal Dublin aufsaugen.
Natürlich durfte auch ein Besuch bei Molly Malone nicht fehlen.
Die legendäre Fischverkäuferin gilt als eine Art Wahrzeichen Dublins und wurde durch das gleichnamige Volkslied weltbekannt.
Und wie man auf nahezu jedem Touristenfoto erkennen kann:
Die „Melonen“ von Molly sind inzwischen auffällig blank poliert.

Offensichtlich fühlen sich viele Besucher dazu berufen, dort für ein Erinnerungsfoto Hand anzulegen.
Zum Abschluss des Tages wollten wir dann noch einmal typisch irisch essen.
Und heute stand noch etwas auf meiner persönlichen Liste:
Irish Stew.
Das traditionelle Gericht besteht meist aus langsam geschmortem Lamm- oder Rindfleisch mit Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln und weiteren Gemüsen.

Kein Gourmet-Schnickschnack.
Kein Schäumchen.
Einfach ehrliches Essen.
Und genau das macht es gut.
Während wir danach zurück ins Hotel liefen, wurde uns langsam bewusst:
Das war unser letzter richtiger Tag in Irland.
Morgen früh klingelt der Wecker gnadenlos.
Denn bereits um 6:30 Uhr müssen wir an der Fähre einchecken.
Und damit beginnt dann leider der Teil jeder Reise, den niemand besonders mag:
Die Heimreise.
Aber das ist wiederum eine andere Geschichte.
Tag 15+1 – Heimweg, Fähren und australische Abenteurer
So früh jagt man eigentlich keinen Hund vor die Tür.
Motorradfahrer, die eine Fähre bekommen müssen, offenbar schon.
Der Wecker klingelte um 4:30 Uhr.
Geplant war die Abfahrt vom Hotel um 5:00 Uhr. Die Fähre von Irish Ferries sollte um 7:30 Uhr ablegen und der Check-in schließt bekanntlich 30 Minuten vorher.
Kleiner Hinweis für alle, die so eine Reise planen:
Bei unserer Buchung war die Abfahrt ursprünglich noch für 8:00 Uhr vorgesehen. Es lohnt sich also wirklich, die Updates der Reederei regelmäßig anzuschauen. Sonst steht man irgendwann entspannt beim Frühstück und die Fähre ist bereits unterwegs.
Am Ende wurde es dann doch viertel sechs.
Für die Wessis unter den Lesern: viertel nach fünf.
Trotzdem kamen wir genau zum richtigen Zeitpunkt am Terminal an.

Keine fünf Minuten später wurden bereits die ersten Fahrzeuge aufs Schiff gelassen. Die Roadking durfte den Konvoi anführen.
Und so konnten wir uns sogar noch den Motorrad-Stellplatz aussuchen.
Anders als bei den bisherigen Fähren standen die Motorräder diesmal mit dem Vorderrad zur Bordwand.

Das bedeutet beim Ausschiffen später vor allem eines:
Rangieren.
Früh am Morgen.
Mit Gepäck.
Semi-perfekt.
Die Fähre war insgesamt deutlich leerer als auf den anderen Überfahrten.
Neben uns waren noch drei Motorradfahrer aus Leipzig an Bord, die mit ihren BMWs ebenfalls auf dem Heimweg waren.
Insgesamt vielleicht zehn bis fünfzehn Motorräder.
Die Ulysses legte pünktlich ab und die dreieinhalbstündige Überfahrt verging erstaunlich schnell.

Frühstück.
Ein bisschen mit den anderen Motorradfahrern klönen.
Und anschließend noch etwas Schlaf nachholen.
Die gemütlichen Sitzecken an Bord waren praktisch eine Einladung dazu.


Die Einreise nach England verlief problemlos.
Nun begann allerdings der sportliche Teil des Tages.
Rund 370 Kilometer lagen zwischen uns und der nächsten Fähre in Hull.
Und die wartet bekanntlich nicht.
Für die Nachtfähre nach Rotterdam gilt:
90 Minuten vor Abfahrt eingecheckt oder man bleibt in England.
Bei einer Abfahrtszeit von 20:30 Uhr bedeutete das:
Spätestens 19:00 Uhr am Terminal.
Und eigentlich hatten wir den Leipzigern noch versprochen, später gemeinsam ein Bier auf der Sonnenterrasse der Fähre zu trinken.
Der Zeitplan stand also.
Zum Glück spielte das Wetter diesmal mit.
Der Regen war kaum erwähnenswert.
Wir legten zwei Tankstopps ein.
Wobei die Pausen weniger dem Motorrad als vielmehr dem Soziussitz geschuldet waren.
Stephie findet den Sitz auf langen Autobahnetappen nur bedingt bequem.
Ich persönlich vermute ja, dass eher die Vibrationen des Twin-Cam-Motors daran beteiligt sind.
Also immer mal wieder Kaffee trinken.
Kleinigkeit essen. Beine vertreten.

Und dann gemütlich weiter.
Bis auf einige Staus rund um Ballungsräume wie Manchester lief alles nach Plan.


Je näher wir Hull kamen, desto mehr Motorräder tauchten auf den Straßen auf.
Punkt 17:00 Uhr standen wir schließlich am Check-in.
Und konnten direkt aufs Schiff.

Eine interessante Erkenntnis:
Bei den Overnight-Fähren öffnet der Check-in bereits viele Stunden vor der Abfahrt. Wer früh ankommt, fährt auch früh aufs Schiff.
Bei den Kurzstreckenfähren wird dagegen erst gesammelt und später gemeinsam verladen.
Oben auf dem Fahrzeugdeck waren die mittleren Reihen bereits gut gefüllt.
Die Road King landete deshalb ganz vorne am Rand – entgegen der späteren Fahrtrichtung.
Mit einem theoretischen Wendekreis von ungefähr zwei Metern.
Mir war das zunächst äußerlich völlig egal.
Die Crew wusste allerdings ziemlich genau, warum sie die Maschine dort hinstellen wollte.
Dazu später mehr.

Nachdem alles verzurrt war, nahmen wir unseren kleinen Beutel für die Nacht mit und bezogen unsere Außenkabine.
Also wir hatten erneut zwei Kabinen. Da die Hinfahrt bereits abgeschlossen war, ließ sich die Buchung trotz Rücksprache mit dem Service nicht mehr anpassen.
Danach hieß es:
Klamotten wechseln.
Ab aufs Sonnendeck. Bierchen genießen.


Nach dem Abendessen – wieder reichlich und lecker (siehe Tag 1) ließen wir den Urlaub langsam ausklingen.
Mit Cocktails.
Musik.
Und dem Programm auf der Showbühne.
Ein würdiger Abschluss einer großartigen Reise.
Am nächsten Morgen durften wir pünktlich um 9:00 Uhr Ortszeit wieder zu den Fahrzeugen.
Und plötzlich wurde klar, warum die Crew die Road King ganz außen geparkt hatte. Sie wussten, was an Ladung noch kommt.
Die zusätzliche Fahrspur war inzwischen über die gesamte Schiffslänge mit Motorrädern gefüllt.
Neben unserer Harley stand eine GS mit vielleicht fünf Zentimetern Abstand.
Allein die Optik des Motorrads verriet bereits, dass dieses Fahrzeug einiges erlebt hatte.
Die Besitzer stellten sich als Rentner aus Australien vor.
Sie wollten vier Monate durch Europa reisen.
Und die letzten sechs Wochen ihrer Tour sollten sie jetzt durch Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und schließlich bis ans Nordkap führen.
Unglaublich.
Die beiden wirkten dabei fitter als viele Menschen, die halb so alt sind.
Solche Begegnungen machen Reisen besonders.
Das Ausschiffen selbst verlief überraschend unkompliziert.
Nachdem sämtliche Autos das Deck verlassen hatten, gehörte es praktisch den Motorradfahrern allein.

Plötzlich war reichlich Platz zum Rangieren vorhanden und jeder konnte entspannt seine Maschine drehen.
Zurück auf festem Boden führte uns der Weg zunächst zum Flughafen von Rotterdam.
Dort wartete bereits unser Sprinter.
Motorrad verladen.

Gepäck verstauen.
Und anschließend die letzten rund 700 Kilometer Richtung Heimat.

Autofahren ist nicht schlecht.
Schneller. Trockener. Bequemer.
Aber auf dieser Rückfahrt wurde mir nochmal bewusst, was Motorradreisen eigentlich ausmacht.
Im Auto fährt man durch die Landschaft.
Auf dem Motorrad ist man Teil davon.
Man riecht die Felder.
Man spürt den Wind.
Man merkt sofort, wenn sich das Wetter verändert.
Und man sieht Dinge, an denen man im Auto einfach vorbeifahren würde.
Nach knapp 2.800 Kilometern mit dem Motorrad, vier Fähren, unzähligen Schafen, einer Menge Regen, intensiver Sonne, fantastischen Landschaften, tollen Gastgebern und jeder Menge Geschichten endete unsere Reise schließlich wieder zuhause.
Und wie immer gilt:
Nach der Tour ist vor der Tour.