224km / 3h 30min
Eigentlich war der Plan ganz einfach: Im Eiscafé Madeleine in Seußlitz sollte Livemusik gespielt werden. Seußlitz liegt wunderschön an der Sächsischen Weinstraße und ist von uns gerade einmal vier Kilometer entfernt. Da sich das Wetter – ganz anders als am Vortag – von seiner besten Seite zeigte, bot sich eine kleine Eisdielentour mit der Harley geradezu an.
Ein bisschen fahren, ein Eis essen und dabei den Chrom in der Sonne blitzen lassen.
Aber Pläne sind bekanntlich eher etwas für Unspontane.
Acht Kilometer sind keine Motorradtour
Stephie fand den Aufwand, wegen lächerlicher acht Kilometer das Motorrad herauszuholen, deutlich zu groß. Meine Vorschläge für eine kleine Rundtour durch unsere nähere sächsische Umgebung fanden allerdings ebenfalls keine Zustimmung.
Dabei mangelt es uns hier wirklich nicht an schönen Zielen: Meißen mit Burgblick und historischem Marktplatz, Moritzburg oder Dresden bieten sich geradezu für Zwischenstopps an. Dort könnte man sogar ein wenig spazieren gehen.
Genau da lag vermutlich das Problem.
Meine Freundin ist in Motorradklamotten eher lauffaul. Eine Strecke zu Fuß sollte deshalb möglichst kurz und wenig anstrengend sein. Der Geierswalder See oder der Senftenberger See wären unter diesem Gesichtspunkt vielleicht geeigneter gewesen. Doch auch diese Vorschläge lösten keine hundertprozentige Begeisterung aus.
Nach so vielen Ideen war nun Stephie an der Reihe.
„Spreewald ist zu weit – oder?“
„Ich sag mal so: Dann müssten wir jetzt gleich losfahren. So könnten wir gemütlich über Landstraßen fahren und die Runde anschließend bei Madeleine in der Eisdiele beenden.“
Eine direkte Antwort bekam ich nicht. Stephie war bereits verschwunden, um sich die Motorradklamotten anzuziehen.
Das deutete ich einfach mal als Ja.
Der Thron muss zu Hause bleiben
Nun musste noch schnell die Rückenlehne an die Road King montiert werden. Wenn ich allein unterwegs bin, stört so ein Teil schließlich die Optik.
Die Montage stieß allerdings nicht auf uneingeschränkte Gegenliebe. Stephie hatte ihren bisherigen Thron – das große Back-Pack mit Polster – durchaus schätzen gelernt. Aber mal ehrlich: Wie sieht es denn aus, wenn man für knapp 100 Kilometer mit riesigen Koffern losfährt? Ich wüsste ja nicht einmal, was wir dort alles hineinpacken sollten.
Manchmal ist gut eben nicht gut genug.
Nein, Spaß. Meistens jedenfalls.
Die Strecke stand in meinem Kopf bereits fest. Also konnte es losgehen.
Durch Alleen, Wälder und Sonntagsdüfte
Gegen 11 Uhr starteten wir in Richtung Spreewald. Bei schönstem Sonnenschein führte uns die Strecke zunächst in Richtung Herzberg. Es war so warm, dass ich problemlos im Motorradhoodie fahren konnte – meine neueste Errungenschaft aus Aramidgewebe und dazu noch superbequem.

Die gewählte Route war herrlich. Unter den Alleen und durch die brandenburgischen Wälder kamen wir gut voran. An diesem Sonntag waren nur wenige Menschen unterwegs. Das Grün der Bäume und Wiesen wirkte selbst Anfang August noch frisch und saftig.
Gerade auf dem Motorrad nimmt man die Landschaft nicht nur mit den Augen wahr. Entlang der Strecke verändern sich ständig die Gerüche.
In Kröbeln schien jemand Rotkraut für den Sonntagsbraten zu kochen. Und in Oschätzchen roch es verdächtig danach, als würde dort noch ordentlich Viehwirtschaft betrieben.
Landluft eben. In jeder denkbaren Ausführung.
Weil die B87 hinter Kolochau gesperrt war, ging es für uns über kleinste Landstraßen weiter. Die Wälder in dieser Gegend waren beeindruckend und wirkten auffallend ordentlich und gepflegt. Das haben wir schließlich auch schon ganz anders erlebt.


In Dahme/Mark veränderte sich das Bild der Umgebung. Nun fuhren wir durch typisch märkische Dörfer, die sich entlang der Landstraße erstreckten und ihre ursprüngliche Anordnung bewahrt hatten. Neben der Hauptstraße gab es meist nur wenige kleine Wege, die zu den einzelnen Gehöften führten.
Diese kleinen Käffer wechselten sich mit weiten, sanft gewellten Feldern ab – und über allem strahlte die Sonne. Zum Glück ließ sich die Wärme mit genügend Fahrtwind gut aushalten.
Lübbenau – das viel besuchte Tor zum Spreewald
Wenig später erreichten wir Lübbenau, unseren geplanten Zwischenstopp.

Ob nun Lübbenau, Lübben, Burg oder eines der kleineren Dörfer den Titel „Tor zum Spreewald“ am meisten verdient, sollen andere entscheiden. Sicher ist: Lübbenau wird von sehr vielen Menschen als Ausgangspunkt für einen Besuch der Region genutzt.
Der Spreewald ist eine in Mitteleuropa einzigartige Kulturlandschaft. Nach der letzten Eiszeit teilte sich die Spree hier in ein fein verzweigtes Netz natürlicher und künstlich angelegter Wasserläufe – die berühmten Fließe. Dazwischen liegen Wälder, Wiesen, Felder und kleine Hofstellen. Seit 1991 ist das rund 475 Quadratkilometer große Gebiet als UNESCO-Biosphärenreservat anerkannt.
Und genau diese besondere Landschaft wollten an diesem Sonntag offenbar noch ein paar andere Menschen besuchen.
Lübbenau ist übrigens tatsächlich eine Stadt. Und sie war voll.



Unser Ziel war der große Parkplatz direkt am Kahnhafen. Obwohl er schon ordentlich gefüllt war, fanden wir noch ein schattiges Plätzchen für die Road King. Natürlich hätte man das Motorrad auch einfach irgendwo abstellen können. Motorräder werden schließlich meistens nicht sofort abgeschleppt.
Aber wenn ich mit meiner Freundin unterwegs bin, halte ich mich an die Regeln.
Meistens jedenfalls.

Also Parkschein gezogen – und dann kam die entscheidende Frage: Wie befestigt man einen Parkschein eigentlich sicher an einem Motorrad? Bei den Park-Apps gibt man einfach das Kennzeichen an. Aber bei einem kleinen Stück Papier?
Wir klemmten den Schein hinter das Zündschloss, machten zur Sicherheit ein Foto und gingen los.

Quark, Kartoffeln und zu viel sichtbares Porzellan
Jetzt musste zunächst etwas zu essen her.
Der Spreewald ist berühmt für Gurken, Meerrettich und Leinöl. Entsprechend kreativ werden diese regionalen Zutaten auf den Speisekarten miteinander kombiniert. Nachdem wir das Angebot ausgiebig sondiert hatten, war uns jedoch eher nach etwas Handfestem.
Stephie entschied sich für ein Original-Jägerschnitzel. Ich wollte zunächst Quark mit Pellkartoffeln bestellen. Zum Glück lief kurz vorher jemand mit genau diesem Gericht an mir vorbei.
Für 12,90 Euro hatte ich mit einer stattlichen Portion gerechnet. Auf dem Teller waren allerdings vor allem fünf kleine Pellkartoffeln, etwas Quark, Leinöl, ein bisschen Beilage – und erstaunlich viel gut sichtbares Porzellan.
Ich liebe Quark und Kartoffeln wirklich. Doch diese Portion hätte weder meinen Magen noch mein Gefühl für ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis zufriedengestellt.
Also disponierte ich kurzfristig um und bestellte ein paar handfeste Fischbuletten.
Damit war die Welt wieder in Ordnung. Wir waren satt, zufrieden und saßen noch immer in der Sonne.



Sachsen sind überall
Irgendwann dachte ich schon, ich hätte zu lange in der Wärme gesessen und erste Halluzinationen. Doch die deutliche Begrüßung sprach dafür, dass ich geistig noch halbwegs beisammen war.
Vor uns stand Torsten, ein Kumpel aus der Bobbergarage.
Auch er hatte das schöne Wetter genutzt und war mit seiner Frau und Freunden in den Spreewald gekommen. Die Gruppe kehrte gerade zufrieden von einer Kahnfahrt zurück, bei der sie von einem Einheimischen durch die Fließe gestakst worden war.
So kann es gehen: Sachsen sind überall. Und erstaunlich oft trifft man selbst weit weg von zu Hause jemanden, den man kennt.
Wir schlenderten anschließend noch ein wenig durch Lübbenau. Stephie konnte sich dabei für einige Gläser Spreewälder Gemüse und den leckeren Meerrettich begeistern.




Spätestens jetzt wären die großen Koffer vielleicht doch keine so schlechte Idee gewesen.
Keine Sänger in Finsterwalde
Die Zeit verging wie im Flug, und irgendwann mussten wir wieder aufbrechen.
Natürlich hätten wir für den Rückweg die Autobahn nehmen können. Aber wir lieben es, auf kleinen Landstraßen zu fahren und uns den Wind um die Nase wehen zu lassen. Also ging es in der Nachmittagssonne über Nebenstraßen in Richtung Finsterwalde.
Finsterwalde bezeichnet sich als einzige Sängerstadt Deutschlands. Der Name geht auf das Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Lied „Wir sind die Sänger von Finsterwalde“ zurück. Die dadurch begründete Musiktradition wird bis heute gepflegt – unter anderem mit dem Finsterwalder Sängerfest.
Sänger haben wir an diesem Nachmittag allerdings keine gesehen.

Dafür hatten wir die kleinen Straßen und die Landschaft über weite Strecken fast für uns allein. Offenbar wussten auch die Tiere der Umgebung die Ruhe dort zu schätzen.
Ein Rehbock mit eingebauter Vorfahrt
Kurz vor Hohenleipisch stand ein stattlicher Rehbock am Straßenrand.
Man sagt ja gern: „Loud Pipes Save Lives.“ Dieses prächtige Exemplar schien sich vom Klang der Road King allerdings überhaupt nicht beeindrucken zu lassen.
Ich musste die Harley fast bis zum Stillstand abbremsen, während der feine Herr etwa 50 Meter vor uns ganz gemächlich über die Straße stolzierte. Einen Blick in unsere Richtung hielt er offenbar nicht für nötig.
So eingebildet wie schön.


Solche Begegnungen erinnern einen daran, auf kleinen Straßen trotz aller Freude an der Landschaft jederzeit aufmerksam zu bleiben. Gerade in Waldgebieten kann Wild plötzlich und ohne Vorwarnung auf der Fahrbahn stehen.
Das Eis muss warten
Gegen Abend flogen wir wieder in Nünne ein.
Aus dem ursprünglich geplanten kurzen Ausflug zur Eisdiele war eine spontane Tagestour in den Spreewald geworden. Das Eis in Seußlitz und die Livemusik bei Madeleine mussten wir deshalb ausfallen lassen.
Aber aufgeschoben ist schließlich nicht aufgehoben.
Dorthin fahren wir ein anderes Mal.
Versprochen.
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