Einer meiner Mitarbeiter ist begeisterter Harley-Fan.

Das ist beruflich durchaus praktisch. Immer dann, wenn wir Motorräder für Prospekte, Kalender oder Verkaufsunterlagen fotografieren und filmen sollen, ist Ronny dabei. Ich weiß meistens ziemlich genau, welches Bild ich am Ende haben möchte – und er weiß, wie er das Motorrad dafür ablichten wird..

Das funktioniert nahezu reibungslos und vor allem eins zu eins.

Dabei spielt es keine Rolle, ob so eine Fotosession länger dauert als geplant oder ob wir das Motorrad an irgendeinem ungewöhnlichen Ort ins richtige Licht setzen müssen. Es wird so lange gemacht, bis der Kunde zufrieden ist.

Letztes Wochenende war es deshalb an der Zeit, sich einmal zu revanchieren. Unsere Werkstatt des Vertrauens hatte ihm übers Wochenende eine Bobber ausgeliehen – gewissermaßen als Dankeschön für die vielen guten Bilder.

Und weil Motorradfahren gemeinsam deutlich mehr Spaß macht, hatte ich versprochen, eine ordentliche Tour mit ihm zu fahren.

Der erste Plan sollte uns zum Fichtelberg führen.

Allerdings kann man sich zwar eine Tour aussuchen, das Wetter aber leider nicht. Für den vereinbarten Samstag war Regen angesagt. Nicht überall und nicht ständig, aber doch so, dass man ihn auf der Wetterkarte ernst nehmen musste.

Da ich mich auf die Mitarbeiter immer verlassen kann, sollte Ronny sich nun auch auf mich verlassen können.

Die Tour findet statt.

Das Problem mit dem Fichtelberg war nur, dass die Regenfront laut Wetter-App gemeinsam mit uns ins Erzgebirge ziehen und sich dort anschließend gemütlich festsetzen wollte. Wir hätten sie also den ganzen Tag als Reisebegleitung gehabt.

Deshalb musste ein neuer Plan her.

Unsere wahnwitzige Idee: Wir fahren dem heranziehenden Regengebiet direkt entgegen. Dann sind wir schneller hindurch und haben dahinter schönes Wetter.

So zumindest die Theorie.

Nun brauchten wir nur noch ein Ziel in der passenden Richtung. Rund um Leipzig gibt es zahlreiche ehemalige Tagebaue, die inzwischen renaturiert wurden. An einigen Orten kann man noch die gewaltige Technik besichtigen, mit der sich der Mensch früher durch ganze Landschaften gefressen hat.

Unsere Wahl fiel auf Ferropolis bei Gräfenhainichen.

Die Stadt aus Eisen.

Große Bagger, alte Tagebautechnik und ausreichend Dinge, die man sich anschauen kann. Das passte. Also wurde der Plan gemacht, das Freitagabschlußbier ausgetrunken und für den nächsten Morgen die Abfahrt vereinbart.

In Gedanken konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Theoretisch.

Der Blick in die Wetter-App am nächsten Morgen sah etwas weniger optimistisch aus. Die Regenfront begann nun weiter nördlich als am Abend zuvor. Unsere Durchfahrt würde also etwas länger dauern. Doch die geplante Route wurde auf dem Display nur von hellblauen Wolken begleitet. Ringsherum war alles dunkelblau.

Wenn man es positiv sehen wollte, hatten wir damit genau den richtigen Weg gewählt.

Um 10 Uhr starteten wir in Richtung Machern. Nach einer guten Stunde erwischte uns die erste Husche. Die Regentropfen fühlten sich auf dem Motorrad an wie kleine, gezielte Nadelstiche.

In Wurzen bekam ich dann doch ein etwas schlechtes Gewissen.

Ich war mit meinen in Irland erprobten Sachen unterwegs. Ronny trug Lederjacke und Jeans. Für seinen Piaggio-Roller war diese Kleidung bisher vollkommen ausreichend gewesen.

Aber auf der Harley? Bei diesem Wetter?

Also kurz nachgefragt, wie es aussieht.

Er war voller Euphorie und vertraute offenbar weiterhin der Wetter-App.

Screenshot

Wir fahren weiter.

Perfekt.

Für das Wetter musste an diesem Tag allerdings Neptun persönlich verantwortlich gewesen sein. Kurz vor Eilenburg kam es richtig herunter. Wir stellten die Motorräder erst einmal an einer Tankstelle ab und holten uns einen Kaffee.

Meine Sachen hatten sich bis dahin noch keine ernsthaften Schwächen erlaubt. Bei Ronnys Jeans waren dagegen im unteren Beinbereich bereits deutliche Farbunterschiede zu erkennen. Auch die Lederjacke hatte begonnen, Wasser aufzunehmen.

Natürlich wurde wieder die App gecheckt.

Das Regengebiet zog sich um uns herum zusammen.

In zehn Minuten sollte sich jedoch ein kleines Zeitfenster öffnen. Dann könnten wir durchkommen. So weit war es schließlich nicht mehr bis Ferropolis.

Also Kaffee austrinken und auf den Startschuss warten.

Tatsächlich hörte der Regen kurz darauf auf.

Keine Zeit verlieren.

Helme auf, Motorräder an und los.

Die ersten ein oder zwei Kilometer funktionierte unser Plan sogar. Der Himmel war trüb, die Straße nass, aber es ließ sich fahren.

Dann hatte das Wetter offenbar entschieden, dass sie uns mit der App lange genug motiviert hatte.

Es begann in Strömen zu regnen.

Nein, falsch.

Es goss wie aus Kannen.

Selbst meine irlanderprobte Kleidung gab an einigen Stellen auf. Vorsorglich hatte ich natürlich die Innenmembran nicht eingesetzt. Man will es dem Wetter schließlich auch nicht unnötig schwer machen.

Das Wasser lief am Helm entlang direkt in den Kragen und hinter meine Brille. Während sie an den Wangen gut anliegt, gibt es oben an den Augenbrauen einen kleinen Zwischenraum. Dieser füllte sich nun zuverlässig mit Wasser.

Ich musste während der Fahrt immer wieder am Brillengestell wackeln, damit die kleine Badewanne vor meinen Augen ablaufen konnte.

Der Regen wurde stärker.

Obwohl man eigentlich dachte, dass das gar nicht mehr möglich wäre.

Es war möglich.

Ich suchte verzweifelt nach einer Gelegenheit zum Unterstellen. In einer ehemaligen Tagebaulandschaft ist es allerdings gar nicht so einfach, spontan ein Dorf zu finden. Viele davon sind irgendwann zusammen mit allem anderen weggebaggert worden. Jetzt sind hier überall Wälder und weite Wiesen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit entdeckten wir schließlich an einem ehemaligen Dorfkonsum ein kleines Vordach. Dort fanden wir erst einmal Unterschlupf.

Gefühlt war inzwischen alles nass.

Ronnys Schuhe funktionierten beim Laufen wie zwei kleine Springbrunnen. Meine waren nicht wesentlich besser. Trotzdem waren wir erst einmal froh, überhaupt bis hierher gekommen zu sein.

Aufhören war noch immer keine Option.

Ich hätte die Tour ohne Weiteres verkürzt. Schließlich sollte es für Ronny eine schöne Tour werden und er nicht mit einer Lungenentzündung nach Hause kommen. Er war aber weiterhin so fasziniert von der Bobber und der Fahrt, dass er unbedingt weiterfahren wollte.

Ferropolis war nur noch wenige Kilometer entfernt.

Also warteten wir, bis der Regen etwas nachließ, starteten die Kisten und fuhren weiter.

Dabei bemerkte ich, dass meine Road King nicht mehr so lief wie vorher. Der Motor spuckte gelegentlich und ich musste sie mit höherer Drehzahl fahren. In Ferropolis angekommen, berichtete Ronny von denselben Problemen bei seiner Bobber.

Sollten wir hier einem kleinen Konstruktionsmanko auf die Spur gekommen sein?

Meine Theorie: Unter dem Vordach standen die Motorräder doch noch teilweise im Regen. Eine Harley neigt sich auf dem Seitenständer nach links. Der rechts angebrachte Luftfilter samt Abdeckung gerät dadurch genau in die Bahn des Regenwassers, das über den Tank läuft.

Die Luftfilter hatten vermutlich eine Dusche abbekommen.

Also schnell die Motorräder abstellen, Sitze und Luftfilter abdecken und hinein in die Stadt aus Eisen.

Das Gelände von Ferropolis ist wirklich beeindruckend. Gewaltige Braunkohlebagger stehen dort wie stählerne Urzeittiere in der Landschaft. Dazwischen finden regelmäßig Konzerte und Festivals statt. Rund zwei Wochen vor unserem Besuch war dort vom 17. bis 20. Juli das elektronische WHOLE Festival zu Gast. Bereits wenige Tage nach uns sollte vom 6. bis 9. August das Macher Festival der Real Life Guys beginnen. Ferropolis kann also nicht nur Tagebaugeschichte, sondern auch eine ziemlich große Bühne.

Wir hatten uns vorher extra informiert, ob das Freiluftmuseum an diesem Tag geöffnet hat. (bei Konzerten ist die Area den Konzertbesuchern vorbehalten) ->Veranstaltungskalender Ferropolis

Ein Freiluftmuseum ist bei strömendem Regen natürlich genau das, was man braucht. – wirklich!
Wo hätten wir uns mit unseren klatschnassen Sachen auch gemütlich hinsetzen sollen?

Aber Ferropolis hatte etwas, das in diesem Moment viel wichtiger war als sämtliche Großgeräte: beheizte Toiletten mit Händetrocknern.

Dort begannen wir zunächst, Halstücher und Ärmel zu trocknen oder wenigstens auf eine halbwegs menschliche Temperatur zu bringen. Ronny versuchte sich sogar an seiner Hose. Inzwischen hatte seine Kleidung wieder eine gleichmäßige Farbe angenommen.

Komplett nass ist schließlich auch eine Form von Einheitlichkeit.

Der Rundgang durch Ferropolis hat sich trotzdem gelohnt. Die riesigen Maschinen aus der Nähe zu sehen, ist beeindruckend. Auch die einfache Gastronomie fanden wir angenehm: kein unnötiger Schnickschnack, vernünftige Preise und ein passendes Verhältnis von Preis und Leistung.

Rund um den See hätte man noch einiges anschauen und verschiedene Ausblicke genießen können.

Für uns war es dafür schlicht zu nass.

Die junge Frau am Kassenhaus hatte uns allerdings versprochen:

„Ab um zwei wird es schön.“

Wir hatten längst aufgehört, solchen Aussagen irgendeine Bedeutung beizumessen, und fuhren in Richtung Wittenberg weiter.

Das ist nur ein kleiner Rutsch über gut ausgebaute Straßen. Tatsächlich hörte es auf zu regnen. Im grauen Himmel entstanden erste blaue Risse.

Anders als die hellblauen Wolken in der App sah das wirklich nach Sonne aus.

In Wittenberg angekommen, wurde das Wetter zunehmend schöner. Die Straßen waren allerdings noch glatt. Das bekam ich mit meiner rund 350kg Harley an der Ampel vor der Elbbrücke unmittelbar zu spüren.

Beim Bremsen rutschte ich ungefähr fünf Meter über die Haltelinie hinaus. Da half auch keine Intervallbremsung mit der alten jung gebliebenen Dame.

Von hinten muss das laut Ronny ziemlich spektakulär ausgesehen haben.

Alles halb so wild. Bis zur eigentlichen Kreuzung war schließlich noch ein knapper Meter Platz.

Genau deshalb malt man Haltelinien wahrscheinlich so großzügig vor die Kreuzung.

Da in Wittenberg gebaut wurde, konnten wir nicht direkt an der Schlosskirche parken. Das wäre zwar nicht ganz legal gewesen, hätte aber einen verboten guten Fotospot ergeben.

Wir stellten die Motorräder etwas abseits ab und suchten uns ein Café.

Wittenberg hat sich ganz schön herausgeputzt, seit ich vor 38 Jahren das letzte Mal dort gewesen war. Nun saßen wir bei Sonnenschein im Straßencafé, klönten und fühlten uns wie mächtig gewaltige Motorradfahrer, die gerade erfolgreich den Elementen getrotzt hatten.

Dass wir kurz zuvor noch versucht hatten, unsere Kleidung unter einem Händetrockner wieder bewohnbar zu machen, musste dabei niemand wissen.

Natürlich schauten wir uns noch den Cranach-Hof mit seiner historischen Zeichen- und Druckwerkstatt an. Anschließend ging es zur berühmten Tür der Schlosskirche mit den lutherischen Thesen.

Bei Luther muss ich immer daran denken, dass er öffentlich gegen den Ablasshandel aufgetreten ist. Gegen ein System also, bei dem man sich gegen Geld von seinen Sünden freikaufen konnte.

Der Gedanke kam mir an dieser Tür wieder ziemlich aktuell vor.

Wenn heute CO₂-Abgaben, Verpackungsabgaben und andere Gebühren erhoben werden, hat man ebenfalls das Gefühl, sich gegen Bezahlung von einer virtuellen Schuld freikaufen zu sollen. Vielleicht sollten wir wieder etwas mehr Luther wagen und laut fragen, wem solche Systeme tatsächlich dienen…

Auf der Rückfahrt meinte es das Wetter endlich gut mit uns.

Da in Sachsen-Anhalt bald gewählt wird, begleiteten uns zahlreiche Wahlplakate am Straßenrand. Ob unter den vielen Kandidaten auch irgendwo ein moderner Luther dabei war?

Beste Bedingungen: trockene Straßen, frische Wiesen, schöne Wälder und bissl Fahrtwind. Die Harleys liefen ebenfalls wieder ordentlich. Offenbar waren inzwischen nicht nur wir, sondern auch die Luftfilter weitgehend getrocknet.

So rollten wir entspannt in Richtung Heimat.

Dort angekommen, gab es selbstverständlich ein Ankomme-Bier.

Das erste an diesem Tag.

Und nach Regen, kleinen Springbrunnen in den Schuhen, einer gefluteten Motorradbrille, nassen Luftfiltern und einem ungeplanten Ausflug über die Haltelinie schmeckte es noch einmal so gut.

Am Ende war es vielleicht nicht die Tour, die wir geplant hatten.

Aber ganz sicher eine, von der wir noch lange erzählen werden.


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