Schon lange hatte ich mal wieder so richtig Appetit auf tschechische Knödel.

Nicht so ein bisschen.

Sondern so, dass einem beim Gedanken an böhmischen Sauerbraten, ordentlich Soße und ein paar Scheiben Knödel eigentlich nur noch eine Frage durch den Kopf geht:

Wann fahren wir los?

Als wir letztens in Prag waren, hatte die Zeit leider nur für einen Stadtbummel gereicht. Also keine Knödel.

Ein Zustand, den man ja nicht ewig so hinnehmen kann.

Und da sich für das Wochenende richtig schönes Motorradwetter angekündigt hatte, bot sich die Gelegenheit geradezu an, dieses kulinarische Versäumnis endlich nachzuholen.

Prag musste es dafür nicht gleich wieder sein.

Irgendwo im tschechischen Nahbereich sollte sich doch wohl ein vernünftiges Restaurace finden lassen.

Immer wieder hatte ich vom Mückentürmchen gehört – der Komáří vížka auf dem Mückenberg, direkt auf dem Erzgebirgskamm. Von dort oben soll man einen herrlichen Blick weit ins böhmische Land haben.

Kurz im Netz geschaut.

Aussicht? Ja.

Straße bis hoch? Ja.

Restaurace? Ja.

Alles klar. Ziel steht fest.

Nach der morgendlichen Runde mit dem Hund wurde der Bock aus der Garage geholt, kurz die Luft geprüft und dann ging es los Richtung Meißen.

Das Wetter war herrlich.

Gestern hatte es noch geregnet, aber davon war heute – außer der wunderbar sauberen Luft – nichts mehr zu merken. Kleine weiße Wölkchen zogen über einen ansonsten blauen Himmel.

Was willst du mehr?

An Seußlitz vorbei.

Ah …

Das Eiscafé.

Hier haben wir ja auch noch einen Besuch offen.

Merken wir uns für später.

Elbebogen bei Seußlitz am Ende der Motorradtour

Erst einmal ging es weiter nach Meißen.

Eigentlich wollten wir auf unserer Elbseite direkt Richtung Dresden durchfahren.

Eigentlich.

Denn offenbar hat man in Meißen gerade beschlossen, entweder die gesamte Stadt erstmals an das Abwassernetz anzuschließen – oder die seit Jahren angekündigte Digitalisierung findet jetzt doch statt und dafür müssen sämtliche Straßen gleichzeitig geöffnet werden.

Wie auch immer:

Baustellen.

Straßensperrungen.

Umleitungen.

Noch mehr Baustellen.

Also erst einmal über die Elbe.

Und wenn man schon einen Umweg fahren muss, dann wenigstens mit Aussicht. Von der Brücke bietet sich nämlich ein richtig schönes Panorama auf die Meißner Altstadt mit Albrechtsburg und Dom.

Das entschädigt.

Übrigens ist auch der Meißner Marktplatz durchaus ein lohnendes Motorradziel. Dort kann man sein Motorrad ganz entspannt auf dem Marktplatz abstellen.

Ich habe gesagt: kann man.

Nicht: darf man.

Und wenn die Motorräder dann einmal stehen, kann man in einem der kleinen Restaurants rundherum gleich noch ein Meißner Kellerbier probieren.

So haben wir es letztens mit unseren Bikerfreunden vom Mönchgut auf Rügen gemacht.

15 Harleys auf dem Meißner Marktplatz.

Die waren fast genauso interessant wie die Albrechtsburg.

Nach einem erneuten Wechsel der Elbseite ging es dann immer an der Elbe entlang Richtung Dresden.

Hier reiht sich Weingut an Weingut. Kleine Winzerhäuser, alte Mauern, Weinberge und immer wieder der Blick auf den Fluss.

In Radebeul verändert sich das Bild langsam.

Fast unbemerkt fährt man vorbei an Schloss Wackerbarth, größeren Anwesen und schönen alten Villen durch den Speckgürtel Dresdens – und plötzlich steckt man mitten in der Stadt.

Dresden war für uns in diesem Jahr übrigens schon einmal Motorrad-Ziel. Bei den Harley Days Dresden 2026 waren wir mit einer deutlich größeren Truppe unterwegs – und bei wesentlich höheren Temperaturen.

Und auch Dresden baut.

Allerdings hat das hier teilweise einen anderen Hintergrund. Einige der in DDR-Zeiten gebauten Brücken kommen langsam, aber ziemlich zuverlässig in ein Alter, in dem aus „hält schon noch“ irgendwann „wir sollten da vielleicht mal ran“ wird.

Brückenbaustelle in Dresden auf dem Weg ins Erzgebirge

Langsam war dabei heute ohnehin das passende Stichwort.

Samstagvormittag.

Gefühlt war halb Dresden unterwegs.

Also ging es im lockeren Slalom durch die Stadt.

Soweit eben das Wort „Slalom“ zusammen mit Sozia und einer Harley Road King überhaupt verwendet werden darf.

Schon bald passierten wir das Blockhouse in Bannewitz.

Auch so ein Punkt, bei dem ich mir dachte:

Da müssen wir mit unserer Bikergruppe irgendwann mal hin.

Hinter Dresden wurde der Verkehr endlich deutlich ruhiger und auf der alten Transitstrecke ging es hinauf ins Erzgebirge.

Und plötzlich fühlte sich die Fahrt ein bisschen wie eine Zeitreise an.

Denn früher, als Kind – also ganz früher – war ich oft in Schmiedeberg.

Damals konnte ich stundenlang am Fenster stehen und die „West-LKW“ zählen, die auf dieser Strecke zwischen der Tschechoslowakei und der DDR unterwegs waren.

Und genau diese alte Villa stand da immer noch.

Nur …

Jetzt ist da ein Döner drin.

What the fuck.

Dieses Haus mit seinen unzähligen kleinen Räumen.

In einem davon stand damals ein Klavier, auf dem ich als Knirps stundenlang herumklimperte und damit nicht nur meine Familie, sondern vermutlich auch die gesamte Nachbarschaft an meinem definitiv nicht vorhandenen musikalischen Talent teilhaben ließ.

Und heute dreht sich dort ein Fleischspieß.

Die Zeiten ändern sich.

Kulturbanausen.

Mit jedem Höhenmeter wurde es etwas kühler.

Mitten im August merkt man hier oben im Schatten schon deutlich, dass der Sommer irgendwann auch wieder vorbei sein wird. Noch stehen die Bäume saftig grün, der Wald riecht wunderbar und die Luft wird mit jedem Kilometer frischer.

Kurvige Straße kurz vor Kurort Kipsdorf im Erzgebirge

Spätestens auf den Serpentinen hinauf nach Altenberg merkt man davon allerdings nicht mehr viel.

Da ist man anderweitig beschäftigt.

Schöne weite Kurven.

Hoch.

Rum.

Wieder hoch.

Das macht Spaß.

In Altenberg selbst war auch im Sommer ordentlich Betrieb. Wanderer, Sommerfrischler und erstaunlich viele Städter, die offenbar beschlossen hatten, ihre Rennräder ausgerechnet hier oben auszuführen.

Kurz vor dem Grenzübergang ging es dann überraschend links weg.

Noch acht Kilometer.

Direkt über den Kamm.

Und genau dort wartete die erste Überraschung.

Dlouhý rybník.

Ein Badesee.

Hier oben. – Auf dem Erzgebirgskamm.

Damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet.

langer See - bild mit Motorrad

Der langgezogene Teich bei Cínovec ist kein moderner Freizeitsee. Er wurde bereits 1787 angelegt; nach regionalen Tourismusinformationen handelt es sich um einen gefluteten ehemaligen Erzabbau. Durch die umliegenden Moore und Heideflächen kann das Wasser bräunlich bis rötlich wirken – soll dabei aber außergewöhnlich sauber sein. Es ist der höchste Badesee der Tschechei.

Und offenbar wissen das auch die Einheimischen.

Textilbader.

FKK-Bader.

Alles da.

Bei ungefähr 20 Grad Außentemperatur.

Nur nicht ablenken lassen.

Wir hatten schließlich ein Ziel.

Und vor allem:

Mittagshunger.

Der tschechische Wikipedia-Eintrag sollte recht behalten.

Wie ein Pickel ragt der Mückenberg aus dem Erzgebirgskamm heraus. Die letzten Kilometer konnten wir unser Ziel praktisch auf Sicht anfahren.

Mückentürmchen rechts

Die Komáří hůrka liegt auf gut 800 Metern Höhe und ist schon von weitem zu erkennen. Ihren Namen verdankt die Komáří vížka übrigens der alten Bergbautradition. Bereits im 16. Jahrhundert stand hier eine Glocke, mit der Beginn und Ende der Arbeit in den umliegenden Bergwerken angezeigt wurden. 1857 wurde an den Turm ein Restaurant angebaut.

Wir befanden uns mit unserem Knödelplan also durchaus auf historischem Boden.

Oben angekommen wurde ziemlich schnell abgestiegen.

Vor allem hinten.

Stephie hatte genug.

Irgendwie sind zweieinhalb Stunden am Stück auf dem Motorrad doch eine andere Hausnummer, wenn man hinten sitzt.

In Irland waren wir kaum so lange ohne Unterbrechung gefahren. Da gab es ständig etwas zu sehen, anzuhalten, auszusteigen und zu fotografieren.

Als Fahrer vorne merkt man solche Probleme natürlich kaum.

Okay.

Die zunehmende Unruhe auf den hinteren Plätzen während der letzten Kilometer hatte ich durchaus bemerkt.

Ich hatte sie nur erfolgreich ignoriert.

Meine Vorfreude auf ein kühles Pivo war zu diesem Zeitpunkt einfach größer.

Und wir wurden nicht enttäuscht.

Schon am Eingang des Restaurace machte ein Schild aus vergangenen Zeiten klar, welchen Anspruch das Haus an seine Gäste stellt:

„Budete usazeni!“

„Sie werden platziert.“

Na dann.

Auch im Inneren ließ sich der Charme vergangener Jahrzehnte nicht verstecken.

Und mit „Gastraum“ wäre das Ganze ohnehin nur unzureichend beschrieben.

Das war ein Gastsaal.

Groß.

Voll.

Ein bisschen aus der Zeit gefallen.

Und genau deswegen waren wir hier.

Wir – und offenbar ziemlich viele andere.

Freundliche, flinke Kellner, eine große Speisekarte und eine Aussicht, bei der man zwischendurch tatsächlich vergisst zu essen.

Unser Kellner suchte uns sogar extra einen Tisch direkt am Fenster aus.

Spätestens jetzt muss ich aufpassen, dass ich hier nicht zu euphorisch werde.

Denn wenn ich das alles zu positiv schreibe und noch mehr Leute anschließend auf die Idee kommen, dort hinaufzufahren, müssen wir beim nächsten Mal vielleicht auf einen Tisch warten.

Hmm.

Egal.

Ich wollte Knödel.

Also gab es – nach dem bereits erwähnten und inzwischen dringend notwendigen Bier – böhmischen Sauerbraten mit Knödeln.

Stephie entschied sich für Schweinebraten.

Und dann ging es schnell.

Sehr schnell.

Gefühlt war das Essen fast eher am Tisch als unsere Bestellung in der Küche.

Keine zehn Minuten später standen jedenfalls zwei dampfende Teller vor uns.

Ich fasse mich kurz:

Genau deswegen waren wir hergefahren.

Lecker.

Ordentliche Portionen.

Preis-Leistung hervorragend.

Wir waren satt.

Wir waren glücklich.

Und mein seit Wochen bestehendes Knödelproblem war endlich gelöst.

Draußen wartete dann neben der herrlichen Aussicht noch eine technische Besonderheit.

Die Sesselbahn.

Seit 1952 verbindet sie Bohosudov unten im Tal mit der Komáří hůrka. Sie gilt als älteste noch betriebene Seilbahn Tschechiens und zugleich als längster Sessellift des Landes beziehungsweise als längste Sesselbahn ohne Zwischenstation.

Obere Station Sessellift

Und wenn man sich anschaut, wie die kleinen Sessel den Hang hinunter verschwinden, bekommt man sofort Ideen.

Vielleicht fahren wir beim nächsten Besuch einfach damit runter und laufen anschließend wieder hoch.

Oder wir laufen runter und fahren hoch.

Oder wir fahren runter und wieder hoch.

Letzteres klingt eigentlich am vernünftigsten.

Aber jetzt wartete erst einmal die Harley.

Es ging zurück.

Allerdings nicht denselben Weg.

Unser nächster Wegpunkt hieß Ústí nad Labem – Aussig an der Elbe.

Damit verbindet Ústí zumindest eine Sache mit unserem Heimatort Nünchritz:

Beide liegen direkt an der Elbe.

Bis dahin mussten wir allerdings erst einmal vom Erzgebirgskamm herunter.

Und das war alles andere als eine Strafe.

Herrliche Serpentinen ziehen sich hinunter ins böhmische Becken. Mal Wald, mal freie Aussicht, kleine Ortschaften und Straßen, deren Qualität zwischen „richtig gut“ und „interessant“ schwankt.

Irgendwann meldete sich die Tankanzeige.

Also Tankstelle suchen.

Was man dabei im tschechischen Grenzgebiet immer im Hinterkopf behalten sollte:

Aufgrund der Preisunterschiede kommen auch ziemlich viele Deutsche auf diese Idee.

An den ersten Tankstellen standen jedenfalls ordentliche Schlangen.

Weiter.

Nächste.

Auch voll.

Weiter.

Irgendwann fanden wir eine, an der wir tatsächlich tanken konnten.

Puh.

Ein Liter war noch drin.

Reicht doch.

Tankstopp mit der Harley in Tschechien

Ab Ústí ging es dann flussabwärts.

Immer der Elbe hinterher.

Und die Landschaft veränderte sich Kilometer für Kilometer.

Hinter Ústí dominieren zunächst sanfte Hänge und hohe Berge das Bild.
Je näher man Děčín – Tetschen – kommt, desto dramatischer wird die Landschaft.

Und dann beginnt das Elbsandsteingebirge.

Ganz ehrlich:

Diese Gegend ist einfach zum Motorradfahren gemacht.

Wälder.

Sandsteinfelsen.

Dazwischen dieses blaue Band der Elbe.

Straßen, die sich am Fluss entlangschlängeln.

Links Fels.

Rechts Wasser.

Dann wieder Wald.

Kurven.

Aussicht.

Mehr braucht es eigentlich nicht.

Irgendwann waren wir wieder in Deutschland.

Und irgendwann holte uns auch die deutsche Infrastruktur wieder ein.

Elbbrücke in Bad Schandau auf der Rückfahrt der Motorradtour

Das inzwischen recht übersichtliche Angebot nutzbarer Elbquerungen sorgte dafür, dass sich der Verkehr an der Brücke in Bad Schandau ordentlich sammelte.

Ein bisschen Stau.

Dann Königstein.

Fahrt durch Königstein im Elbsandsteingebirge
Blick zum Horizont kurz vor Pirna auf der Rückfahrt

Und anschließend konnten wir wieder laufen lassen.

Richtung Heimat.

Eigentlich wäre die Runde damit fast beendet gewesen.

Aber kurz vor dem Zielstrich hatte ich noch einen Plan.

Schließlich musste Stephies Sitzfleisch irgendwie wieder in einen Zustand versetzt werden, in dem sie auch beim nächsten Mal freiwillig hinten aufsteigt.

Also:

Seußlitz.

Madeleines Eiscafé.
Das, was bei unserem Spreewaldtrip nicht mehr auf den Plan passte.

Das, an dem wir heute Morgen vorbeigefahren waren.

Dort war am späten Nachmittag noch richtig was los.

Und ich glaube tatsächlich, dass sich das Ding langsam vom Geheimtipp zu einer festen Institution entwickelt. Es wäre Madeleine und Andre auf alle Fälle zu wünschen!

Der Eisbecher mit echten Nieschützer Erdbeeren war jedenfalls richtig lecker.

Und danach …

Zischhhhh.

Ein kleines Bier.

Nach rund 250 Kilometern schmeckt das erstaunlich gut.

Wir saßen da.

Die Harley stand draußen.

Der Tag war fast vorbei.

Und irgendwie gab es in diesem Moment auch nichts mehr zu verbessern.

Was für ein geiler Samstag.

Harley fahren.

Kurven.

Erzgebirge.

Tschechien.

Knödel.

Pivo.

Elbsandstein.

Eis.

Und am Ende unserer kleinen Motorradtour Erzgebirge Tschechien wieder einmal die Erkenntnis:

Wir leben jeden Tag.

Wer jetzt Lust auf die nächste kleine Harley-Runde bekommen hat: Unsere Tour mit zwei Harleys gegen die Regenfront führte uns über Ferropolis bis nach Lutherstadt Wittenberg. Wettertechnisch das ziemliche Gegenteil von diesem Samstag – aber definitiv eine Tour, die im Gedächtnis geblieben ist.

Und am besten verbringt man diese Tage mit Menschen, die einem guttun.

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